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Full text of "Mutterrechtliche Familie und Ödipuskomplex"

Dr. B. Malinowski 



Mutterreditlidie Familie 
und Ödipuskomplex 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 









Mutterrechtliche Familie 
und Odipus-Komplex 



Eine psychoanalytische Studie 



Von 



Dr. Bronislaw Malinowski 

Dozent der sozialen Anthropologie 
an der Universität London 



Sonderabdruck aus „Imago, Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geistes- 
wissenschaften" (herausgegeben von Prof. Dr. Sigm. Freud), X. Band (1924), 
Heft 3/) (Ethnologisches Heft) 



102 



924 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag 
Leipzig / Wien / Zürich 



Alle Rechte, 
insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten 



Englisch unter dem Titel „Psycho-Analysis and 

Anthropology" in der „Psyche", Vol. IV (^24) 

erschienen 



Gedruckt bei Carl Fromme Ges. m. b. H., Wien V 



Die soziologische Problemstellung 
in der Psychoanalyse 

Die Psychoanalyse ist aus der ärztlichen Praxis geboren und ihre Theorien 
sind in der Hauptsache psychologisch, aber sie steht in enger Beziehung 
zu zwei anderen Wissenszweigen, zur Biologie und zur Gesellschaftslehre. 
Es ist vielleicht eines ihrer Hauptverdienste, daß sie um diese drei^b- 
teilungen der Wissenschaft vom Menschen ein neues Band schmiedet. Die 
psychologischen Ansichten Freuds — Konflikt, Verdrängung, das Unbe- 
wußte, die Komplexbildung - stellen den bestausgearbeiteten Teil der 
Psychoanalyse dar und sie bilden ihre eigentliche Domäne. Die biolo- 
gische Lehre, die Behandlung der Sexualität und ihrer Beziehung zu anderen 
Trieben, der Begriff der Libido und ihrer verschiedenartigen Umwandlung 
bilden jenen Teil der Theorie, der viel weniger abgeschlossen, von Wider- 
sprüchen und Lücken weniger bereinigt ist und der der Kritik, mit oder 
ohne Becht, mehr ausgesetzt ist. Der soziologische Ausblick, der hier 
für uns hauptsächlich von Interesse ist, verdient größere Aufmerksamkeit. 
Obschon Soziologie und Anthropologie die meisten Bestätigungen zugunsten 
der Psychoanalyse erbracht haben und obschon die Lehre vom Ödipus- 
Komplex unverkennbar soziologische Ausblicke bietet, hat merkwürdiger- 
weise dieser Aspekt die geringste Beachtung gefunden und auch das erst 

in den letzten Zeiten. 

Die psychoanalytische Lehre ist im wesentlichen eine Theorie vom 
Einfluß des Familienlebens auf die menschliche Seele. Sie zeigt uns, 
wie die Leidenschaften, Ausbrüche, Konflikte des Kindes in seinem Ver- 
hältnisse zu Vater, Mutter, Bruder, Schwester, zur Bildung von gewissen 
ständigen seelischen Einstellungen oder Gefühlssystemen (sentiments) gegen- 
über diesen Personen führen; von Gefühlssystemen, die — zum Teil im 
Gedächtnisse fortlebend, zum Teil im Unbewußten eingebettet — das 



l 



Dr. Bronislaw Malinowski 



Süssen 6 "" ^ IndiVidUUmS in S6inen Beziehungen zur Gesellschaft be- 

Ich habe das Wort Gefühlssystem intimem) in dem begrifflichen Sinne 
gebraucht, den lhm A. F. Shand gegeben hat; es ist daher all das WiT 

X n u;d T ' r* di6Ser Begriff ^ ShandS Lehre ™ ^ E ^ 
düngen und Trieben ausgestattet wurde. 1 

Der soziale Charakter der Lehre ist offenkundig: das ganze Freudsche 

WaT S1CH in T halb einCr S ° Zialen G — inschaftlon bestimmtem 
Typus ab im engen Kreis der Familie, bestehend aus Vater, Mutter und 
deren Nachkommenschaft. Also der Kernfamilienkomplex, das wichtigst 
Moment nn menschlichen Seelenleben laut Freud, ist das Ergebnis efn 
bestimmten Typus von sozialer Gruppierung. Anderseits aS tbl d 
seelischen Eindrücke, die jedes Individuum in der Jugend erhalten £ 
spate al e E flüsse auS) indem sie ^ ^.^ £ J 

rischT^ ^ T n Und S6ine Aufna ^higkeiten -d seine fchöpfe- 
Wen i6te V ° n Uberlieferu ^ ^nst, Denken und ReligL 

W e d S °t l0ge v hat 1 daher daS Em P ßnden ' daß ** psychologischen Behand- 
lung des Kernkomplexes zwei soziologische Kapitel hinzugefügt werden 
müssen., eine Einleitung, die Rechenschaft gibt über die soziologische Natur 
der Familieneinflusse und einen Epilog, der die Konsequenzen des Kern- 

STtoi^L chaft analysiert Zwei Probleme ergeben skh somit 

Erstes Problem. Wenn das Familienleben von so schicksalsschwerer 
Bedeutung für das menschliche Seelenleben ist, verdient sein Charakter 
mehr Beachtung. Denn „die Familie« ist doch nicht dasselbe in allen 
menschlichen Gesellschaften. Ihre Beschaffenheit wechselt sehr mit dem 
Entwicklungsgrad und der Zivilisationsart eines Volkes und sie ist auch 
nicht identisch in den verschiedenen Schichten derselben Gesellschaft Laut 
den heute noch in der populären Anthropologie gangbaren Theorien hat 
sich die Familie im Laufe der Entwicklung der Menschheit ungemein 
geändert, von ihrer ersten promiskuiden, auf sexuellen und ökonomischen 
Kommunismus beruhenden Form, über die auf Gruppenehe basierenden 
„Gruppenfamihe die auf der Punaluaehe basierende Blutverwandtschafts- 
famihe, über Groß familie und Clanverwandtschaft, bis schließlich zu ihrer 
*orm ,n unserer gegenwärtigen Gesellschaft, der auf der Einehe und der 



i) A. F. Shand: The Foundations of Character. a. Ed. London io 20 . 



! 



Mutterrechtliche Familie und Ödipus-Romplex 



patria potestas basierenden Individualfamilie. Aber auch abgesehen von 
solchen anthropologischen Konstruktionen, die einiges Tatsachenmaterial mit 
viel Hypothesen kombinieren, kann nicht bezweifelt werden, daß wir auch 
gegenwärtig bei der Beobachtung von Naturvölkern unserer Tage große 
Abweichungen in der Beschaffenheit der Familie feststellen können. Es 
gibt Unterschiede in bezug auf die Verteilung der Macht und je nach- 
dem diese mehr oder minder dem Vater oder der Mutter eigen ist, ergeben 
sich die besonderen Formen des Patriarchats oder die verschiedenen Schattie- 
rungen des Mutterrechtes. Es gibt ferner bemerkenswerte Abweichungen 
in der Art die Abstammung zu zählen und zu benennen: eine matrilineare, 
die auf Unkenntnis der Vaterschaft beruht und eine patrilineare trotz 
dieser Unkenntnis; eine patrilineare zufolge der Machtverhältnisse und 
eine patrilineare aus ökonomischen Gründen. Überdies entsprechen auch 
den Unterschieden in der Siedlung, Wohnart, der wirtschaftlichen Grund- 
lage, der Arbeitsverteilung usw. große Unterschiede in der Gestaltung der 
menschlichen Familie bei den verschiedenen Rassen und Völkern der 
Menschheit. 

Es taucht also das Problem auf: ändern sich die Konflikte, die Affekte 
und Neigungen innerhalb der Familie mit der Form der Familie, oder 
bleiben sie gleich innerhalb der Menschheit ? Wenn sie sich ändern — so 
wie sie sich tatsächlich ändern müssen — dann kann der Kernfamilien- 
komplex nicht bei allen menschlichen Völkern und Rassen konstant bleiben; 
er muß verschieden sein, je nach der Familienform. Die Hauptaufgabe der 
psychoanalytischen Soziologie ist also, die Grenzen dieser Variationen zu 
untersuchen; zu formulieren, wie die Abarten des Kernkomplexes den Ab- 
arten in der Verfassung der Familie entsprechen ; schließlich die fundamen- 
talen Typen der Familienverfassung zu erörtern und die dazugehörigen 
Formen des Kernkomplexes zu bestimmen. 

Mit einer Ausnahme vielleicht, ist dieses Problem bisher noch nicht 
aufgestellt worden, wenigstens nicht in ausdrücklicher und direkter Weise. 1 
Der alleinige Kernkomplex, den die Freud- Schule kennt und als allgemein 
gültig betrachtet, d. h. der Ödipus-Komplex, entspricht im wesentlichen 
unserer indoeuropäischen Familie, die patrilinear ist mit entwickelter patria 



1) Ich verweise auf J. C. Flügels vorzügliches Buch „The Psycho-Analytic Study 
of the Family", das — obschon von einem Psychologen geschrieben — durchaus 
soziologisch orientiert ist. Die letzten Kapitel, besonders XV und XVII, enthalten 
vieles, das sich dem gegenwärtigen Problem nähert, wenn der Verfasser es auch nicht 
ausdrücklich so formuliert. 



Dr. Bronislaw Malinowski 



potestas, gestützt durch das römische Recht und die christliche Moral und 
gefestigt durch den modernen europäischen Industrialismus der wohlhaben- 
den Bourgoisie. Doch dieser Komplex maßt sich an, in jeder wilden oder 
barbarischen Gesellschaft eine Grundlage zu haben. Dies kann gewiß nicht 
richtig sein. Eine eingehendere Erörterung _ des ersten Problems soll uns 
zeigen, wie weit dies unrichtig ist. 

Das zweite Problem. Welcher Art ist der Einfluß des Kernkomplexes 
auf die Bildung von Mythen, Legenden, Märchen, auf bestimmte Typen 
von Gebräuchen wilder und unzivilisierter Völker, auf bestimmte Formen 
sozialer Organisation und Leistungen materieller Kultur? Dieses Problem 
ist von psychoanalytischen Autoren, die ihre Grundsätze auf die Erforschung 
der Mythen, der Religion und der Kultur angewandt haben, deutlich er- 
kannt worden. Aber die Theorie, wie der soziale Mechanismus vermöge 
der Macht des Kernkomplexes Kultur und Gesellschaft beeinflußt, ermangelt 
meiner Ansicht einer richtigen Ausarbeitung. Die meisten Ansichten, die 
dieses zweite Problem betreffen, bedürfen einer gründlichen Revision vom 
soziologischen Gesichtspunkte aus. Die von Freud, Rank und Jones 
gebotenen konkreten Lösungen aktueller mythologischer Probleme bieten 
anderseits gewöhnlich nur wenig Anlaß zur soziologischen und anthropo- 
logischen Kritik und sind viel stichhältiger als ihre allgemeine Formel, 
daß der Mythus ein „Säkulartraum der Rasse" ist. 

Die Psychoanalyse hat, indem sie betont, daß das Interesse des Primi- 
tiven auf sich selbst konzentriert ist, wie auch auf die Personen seiner 
Umgebung, und daß es libidinöser Natur ist, die richtige Grundlage für 
die Psychologie des Primitiven geschaffen, die bisher vielfach in falsche 
Ansichten vom affektlosen Interesse des Menschen für die Natur und von 
seinen philosophischen Spekulationen über Dasein und Schicksal verstrickt 
war. Aber zufolge der Verkennung des ersten Problems und jener still- 
schweigenden Verallgemeinerung, daß der Ödipus-Komplex in allen Typen 
der Gesellschaft vorhanden sei, haben sich gewisse Irrtümer in das anthro- 
pologische Werk der Psychoanalyse eingeschlichen. Es können denn auch 
keine richtigen Resultate erzielt werden, wenn versucht wird, den Ödipus- 
Komplex, der ein patriarchalischer ist, in einer matrilinearen Gesellschaft 
vorzufinden; oder wenn mit der Hypothese der Gruppenehe oder der Promis- 
kuität herumgespielt wird, als wäre nicht eine besondere Vorsicht geboten 
angesichts von Bedingungen, die so grundfremd sind gegenüber unserer 
Familienform, so wie sie der psychoanalytischen Praxis bei uns bekannt ist. 
In solche Widersprüche verwickelt, begeht der anthropologisierende Psycho- 



Mutterrechtliche Familie und Ödipus-Komplex 



analytiker hypothetische Verallgemeinerungen über gewisse Typen der primi- 
tiven Horde, oder über das prähistorische Vorbild des totemistischen Opfers, 
oder über den Traumcharakter des Mythus, Verallgemeinerungen, die mit 
den Grundprinzipien der Psychoanalyse selbst unvereinbar sind. 

Diese Abhandlung ist in der Hauptsache ein Versuch an Hand von 
unmittelbaren Beobachtungen an Wilden, das erste Problem zu erörtern: 
die Abhängigkeit des Kernkomplexes von der Beschaffenheit der Familie. 
Die Behandlung des zweiten Problems bleibt einer späteren Veröffentlichung 
vorbehalten. 












II 
Die Beschaffenheit der Familie in einer patriarchali- 
schen und in einer mutterrechtlichen Gesellschaft 

zutreten, die Bildung des Kernkomplexes im Verlaufe ein« , ■ u 
Familienlebens zu verfolgen ,m^ , verlaute eines typischen 

7- -v • vertolgen, und zwar vergleichsweise in verschiedene 

der Familie dJ- ,r J^^ht die beiden extrem-verschiedensten Typen 

einiger einher Worte für die --^S^^T?^^ 
-sein m Nordost-Neuguinea (oder Nordwestmelanesien), die das eine GH ed 
unserer vergleichenden Gegenüberstellung bilden soll 

Diese Eingeborenen sind matrilinear, d. h. sie leben in einer Gesell- 



- 



Mutterrechtliche Familie und Ödipus-Komplex 



Ehestand, nach einer Periode sexueller Spielerei in der Kindheit, der eine 
allgemeine Freiheit in jugendlichem Alter folgt und später eine Periode, 
in der die Liehenden in einer beständigeren Beziehung zusammenleben, 
indem sie mit zwei oder drei anderen Paaren ein gemeinschaftliches „Jung- 
gesellenheim" teilen. 1 Die Ehe ist — abgesehen von der der Häuptlinge, 
die mehrere Frauen haben — eine monogame, sie ist eine dauernde Ver- 
bindung, setzt eine sexuelle Ausschließlichkeit voraus, eine gemeinsame 
wirtschaftliche Existenz, einen unabhängigen Haushalt und mag äußerlich 
und auf den ersten Blick dem oberflächlichen Beobachter als ein genaues 
Ebenbild unserer Eheinstitution erscheinen. In Wirklichkeit ist sie jedoch 
ganz abweichender Natur. Vor allem gilt der Gatte nicht als der Vater der 
Kinder in dem Sinne, wie wir dieses Wort verwenden; er hat physiologisch 
nichts mit ihrer Geburt zu tun, entsprechend den Anschauungen der Ein- 
gebornen, denen die physische Vaterschaft vollkommen unbekannt ist. Die 
Kinder gelangen nach dem Glauben der Eingeborenen als winzige Geister 
in den Schoß der Mutter, was im allgemeinen der Wirkung des Geistes 
einer verstorbenen Verwandten der Mutter zugeschrieben wird. 2 Der 
Gatte hat dann die Kinder zu schützen, zu hegen und zu pflegen, sie 
„in seine Arme zu nehmen", wenn sie zur Welt gebracht sind, aber sie 
sind nicht die seinigen in dem Sinne, daß er einen Anteil an ihrer 
Zeugung hätte. 

Der Vater ist also ein geliebter, wohlwollender Freund, aber kein in 
irgendwelchem Sinne anerkannter Verwandter der Kinder. Er ist ein 
Fremder, dem eine gewisse Autorität zukommt, aus seiner persönlichen 
Beziehung zum Kind, aber nicht etwa aus seiner soziologischen Stellung 
in der Familie. Eine wirkliche Verwandtschaft, d. h. eine Identität der 
Substanz, „der gleiche Leib", besteht nur durch die Mutter. Die Autorität 
über die Kinder gebührt dem Bruder der Mutter. Dieser kann sich nun, 
zufolge des strengen Tabus, das freundliche Beziehungen zwischen Bruder 
und Schwester ausschließt, zu ihr oder zu den Angehörigen ihres Haus- 
standes niemals intim stellen. Sie anerkennt seine Autorität und beugt 
sich vor ihm wie ein Untertan vor dem Häuptling, aber es können zwischen 
ihnen nie zärtliche Beziehungen bestehen. Ihre Kinder aber sind seine 

1) Vgl. meinen Artikel „The Sexual Psychology of Savages" in Psyche, October 
1925; und „Baloma, Spirits of the Dead", Journal of the Royal Anthropological 
Institute 1916. 

2) Siehe die obenzitierten Aufsätze und den Artikel „Spirit Children" in Hastings 
„Encyclopaedia of Religion and Ethics". 






Dr. Bronislaw Malinowski 



direkten Erben und Nachfolger und er übt über sie die unmittelbare 
potestas aus. 

Bei seinem- Tode gehen seine weltlichen Güter in ihren Besitz über 
und zu seinen Lebzeiten hat er die besonderen Talente, derer er sich etwa 
erfreut — Tanze, Gesänge, Mythen, Magien und Kunstfertigkeiten — auf 
sie zu übertragen. Er versorgt auch seine Schwester und ihren Haushalt 
mit Lebensmitteln, der größere Teil seiner Gartenprodukte wandert zu ihnen 
An ihrem Vater sehen also die Kinder bloß die liebevolle Obhut und die 
zärtliche Kameradschaft. Der Bruder der Mutter repräsentiert die Grund- 
satze der Disziplin, der Autorität und der exekutiven Gewalt innerhalb der 
Familie. ' 

Das Verhalten der Frau gegenüber dem Gatten ist durchaus nicht unter- 
wurfig. Sie hat ihren eigenen Besitz und eine eigene private und öffent- 
liche Einflußsphäre. Es kommt nicht vor, daß die Kinder ihre Mutter 
durch den Vater eingeschüchtert sehen. Anderseits ist der Vater nur zum 
geringen Teil der Brotbeschaffer, er hat in der Hauptsache für seine 
Schwester zu arbeiten, während die Knaben wissen, daß sie, wenn sie 
heranwachsen, der Beihe nach für die Haushaltungen ihrer Schwestern zu 
arbeiten haben werden. 

Die Ehe ist patrilokal, d. h. das Mädchen folgt dem Gatten in dessen 
Haus und tritt zu seiner Gemeinschaft über, wenn sie aus einer anderen 
kommt, wie es im allgemeinen der Fall ist. Demnach wachsen die Kinder 
m einer Gemeinschaft auf, in der sie von rechtswegen fremd sind, in der 
sie kein Becht auf Grundbesitz haben, keinen Anteil an Stolz und Ruhm 
des Dorfes, weil doch ihre Heimat, der überlieferte Mittelpunkt ihres Lokal- 
patnotismus, ihre Besitztümer anderswo sind, ihr Ahnenstolz anderswo zu 
Hause ist. Aus diesem zweifachen Einfluß entstehen merkwürdige Kombina- 
tionen und Verwirrungen. 

Bereits im frühen Alter werden die Knaben und Mädchen derselben 
Mutter m der Familie getrennt, zufolge des strengen Tabus, das intime 
Beziehungen zwischen ihnen untersagt und vor allem nicht zuläßt, daß 
irgend etwas, das mit dem Geschlechtsleben verbunden ist, sie jemals 
gemeinsam interessiere. Daraus ergibt sich, daß, obschon der Bruder in Wirk- 
lichkeit die Person ist, die an Autorität über der Schwester steht, das Tabu 
ihm die Ausübung dieser Autori tät verbietet, wenn es sich um die Frage 

rf« v^" die ' eltSamen wirtschaftlichen Verhältnisse bei diesen Eingebornen vgl. 

£ ^ItTraSX TZ vi in Ec ° nomic "™*> ^ und •**-"*■ ° f 



ihrer Ehe handelt. Das Vorrecht, die Zustimmung zu erteilen, oder vor- 
zuenthalten, gebührt daher den Eltern und der Vater, der Gatte der Mutter, 
hat also gerade in dieser wichtigen Frage der Ehe der Tochter die meiste 

Autorität. 

Der große Unterschied zwischen den beiden Familien, die wir gegen- 
überstellen, beginnt somit klar zu werden. In der normalen Familie bei 
uns haben wir den Gatten und Vater ausgerüstet mit Autorität und Macht- 
befugnissen, gestützt von der Gesellschaft. Wir haben auch die wirtschaft- 
liche Einrichtung, vermöge welcher er der Brotbeschaffer ist und seine 
Fürsorge - nominell wenigstens - nach Belieben vorenthalten oder groß- 
mütig handhaben kann. Auf den Trobriands anderseits haben wir die unab- 
hängige Mutter, ihr Gatte wird mit der Zeugung der Kinder gar nicht m 
Verbindung gebracht und er ist nicht der Brotbeschaffer, er kann sein 
Eigentum den Kindern nicht hinterlassen und hat keine sozial aufgerichtete 
Autorität über sie. Mit übermächtigem Einfluß dagegen sind die Ver- 
wandten der Mutter versehen, besonders ihr Bruder, der die Autontats- 
person, der Ernährer der Familie ist und dessen Besitztümer die Knaben 
nach seinem Tode erben. So zeigt das Bild des sozialen Lebens und der 
Familienform ganz verschiedene Züge. 

Während es interessant erschien, das Familienleben in der matrilinearen 
Gesellschaft zu betrachten, mag es den Anschein haben, daß es überflussig 
sei, bei unserem Familienleben zu verweilen, da doch jeder von uns mit 
diesem so gut vertraut und es in der neueren psychoanalytischen Literatur 
so oft dargestellt ist; es mag also als bekannt vorausgesetzt werden. Aber 
vor allem ist es von wesentlicher Bedeutung, in einer genau vergleichenden 
Abhandlung die Glieder des Vergleiches klar vor Augen zu haben; und 
dann, da die matrilinearen Daten, die hier geboten werden, durch besondere 
Methoden anthropologischer Außenarbeit gewonnen worden sind, ist es 
unerläßlich, das europäische Material in eine ähnliche Form zu bringen, 
wie wenn es mit den gleichen Methoden beobachtet und vom anthropo- 
logischen Standpunkt gesichtet worden wäre. Ich fand, um es noch einmal 
zu wiederholen, in keiner psychoanalytischen Betrachtung irgend einen 
unmittelbaren oder folgerichtigen Hinweis auf das soziale Milieu, noch 
weniger die Erörterung dessen, wie der Kernkomplex und seine Wirkungen 
mit der sozialen Schichte in unserer Gesellschaft wechseln. Doch ist es 
offenbar, daß der infantile Konflikt in der luxuriösen Kinderstube des 
reichen Bourgeois nicht derselbe sein wird, wie in der Hütte des Bauern 
oder in der Einzimmerwohnung des armen Arbeiters. Gerade um die 









Dr. Bronislaw Malinowski 



Bxchtigkezt der psychoanalytischen Lehre zu erhärten, wäre es von Wichtig- 
keit, die Ängste und ungebildetste Klasse zu betrachten, in der man dfe 

"7ln e 2 reCH r N T en ^^ ^ ^ ^ Kind * «gemWat 

sXät wo T- '^ m n Raum lebt und ißt ' in demselben Bett 

^utalät der T S™^ ^ ^ ^^ *«* M *™™ *• 
Brutal tat der Konfhkte nicht abschwächen und wo die Eifersüchteleien 

und kleinen Wettbewerbe des täglichen Lebens trotz teilweise Z^^Z 

Femdsehgkext einen scharfen Waffenlärm erklirren lassen * 

seine' W^ ^ f^f ^ Werden: — ™r den Kernkomplex und 

Folio!! m , i0l ° giSChen WirMichkeit b <*ufs Anwendung auf die 

Folldo e untersuchen, so ist es von besonderer Notwendigkeit, die Bauern 
und die ungebildeten Klassen nicht außer Acht zu lassen Denn die Volks 
über f emst h Voraussetzungen) ^ denen der ^^ 

mittel und osteuropaischen Bauern und denen des armen Handwerkers 
verwandter sind als denen der überernährten und verkünstelten Bevolke un 2 
schichten zm modernen Wien, London oder New-York 

Ki^-f 6 ^ 16 !, 011815 " 18 ganZ kkr ZU St6llen ' WiU ich ^e Geschichte der 
Kindheit m Penoden gliedern und in den folgenden Kapiteln jede Periode 
gesondert behandeln. Die klare Unterscheidung von Phasen in de Geslh ^ 
ZlZl 1 em WiChÜg b6i derBeh - dl -^es Kernkomplexes, denn 

ilTä° e 7£\~ Z ^ Ii6gt Wirklkh dneSiW Hauptverdienste - 
htm die Schichtung des menschlichen Seelenlebens Licht gebracht und 
seme strenge Abhängigkeit von den einzelnen Phasen der Enfwicklung de 
Kindes aufgezeigt. Die bestimmten Perioden der Sexualität, die Krisen d 
sie betenden Verdrängungen und Amnesien, die gewis e Erinn Zgen 
n» Unbewußte verbannen, all dies führte zu einer klaren Einteilung T 
Knideslebens m Penoden.* Für den gegenwärtigen Zweck wird es genügen 



-« , ii£Ä p BtÄ K jr2 1 Kn der Sitt r und der p ^°^ 

tiefgehende Unterschiede xriKt T £ V Überzeugung gekommen, daß es ganz 

deinen G^^t^^Z/TJ^^^ ^/^f^ ^'°» 
Kindern und umgekehrt. seelischen Einstellung der Eltern zu den 

^^^^^^'"T^ ^ infantilen Sexualität die Einteilung 

in seine^klass ichen Werk" IZf^C VT^ 8 ^ ^ *» Sch °™ Selbs * 

theorie") nicht klar un La Gegenstand („Drei Abhandlungen zur Sexual- 
dieses Buches für einen N^ht v . ause ; nander g eset ^- Dies macht die Lektüre 



» 



Mutterrechtliche Familie und Ödipus-Romplex 13 



vier Perioden in der Entwicklung des Kindes zu unterscheiden, die durch 
biologische und soziologische Kriterien bestimmt werden. 

1. Die Säuglingszeit, in der das Kleine der Nahrung wegen auf die 
Mutterbrust angewiesen ist und der Sicherheit wegen auf den Schutz der 
Eltern; in der es sich nicht unabhängig bewegen, noch seine Wünsche 
und Gedanken aussprechen kann. Als Grenzen dieser Periode können wir 
die Geburt und die Entwöhnung ansehen. Bei wilden Völkern dauert dieser 
Abschnitt zwei bis drei Jahre. In zivilisierten Gemeinschaften ist er viel kürzer, 
dauert im allgemeinen nur ungefähr ein Jahr. Es ist besser, sich an die natür- 
lichen Abgrenzungen für die Einteilung der Kindheitsphasen zu halten. Das 
Kind ist in dieser Zeit mit der Familie physiologisch verbunden. 

2. Die Babyperiode, die Zeit, in der der Knabe oder das Mädchen, 
wenn auch noch an der Mutter hängend und unfähig, eine unabhängige 
Existenz zu führen, sich schon bewegen, reden, und frei um sie herum- 
spielen kann. Wir können die Dauer dieser Periode auf drei bis vier Jahre 
schätzen und sie reicht so bis etwa zum sechsten Lebensjahr des Kindes. 
Dieses Lebensalter bringt die erste Lockerung der Familienbande. Das Kind 
lernt sich von der Familie entfernen und sich selbst genügen. 

5. Die Kindheit, die Erlangung einer relativen Unabhängigkeit, die 
Epoche des Herumstreifens und des gemeinsamen Spielens mit anderen 
Kindern. Dies ist auch die Zeit, in der man das Kind innerhalb aller 
Rassen und Klassen in die volle Zugehörigkeit zur Gemeinschaft einzu- 
führen beginnt. Bei gewissen Wilden beginnen die vorbereitenden Weihe- 
riten. Bei anderen und auch bei unseren Bauern (und der Arbeiterschaft) 
beginnt die Anweisung des Kindes für seine zukünftige wirtschaftliche Existenz. 
Bei den Angehörigen zivilisierter Gemeinschaften beginnt der Schulunterricht 
in dieser Zeit. Dies ist die Periode der zweiten Loslösung von Familien- 
einflüssen und sie dauert bis zur Pubertät, die die natürliche Grenze bildet. 

4. Das jugendliche Alter (adolescence) 1 zwischen der physiologischen 
Pubertät und der vollen sozialen Reife. Bei vielen wilden Völkern fallen 
in diesen Zeitabschnitt die wichtigsten Initiationsriten, bei anderen Stämmen 

gestellt hat, die Lehre klar zu stelle* und zu systematisieren. Das in seinem Buche 
durchwegs gebrauchte Wort „Kind" (child) bedeutet manchmal „babf", manchmal 
„adolescent", und der Sinn muß in der Regel erst aus dem Zusammenhange erkannt 
werden. In dieser Hinsicht mag vielleicht die gegenwärtige Skizze von gewissem 
Nutzen sein, obwohl das letzte Wort von Seiten der Psychoanalyse selbst kommen mu0! 
1) Wegen der Übersetzung des englischen adolescence vgl. auch in Imago, IX. Bd., 
S. 168, die redaktionelle Notiz zu Jones „Einige Probleme des jugendlichen Alters". 
(Anmerkung des Übersetzers.") 



14 



Dr. Bronislaw Malinowsti 



ist das die Phase, in der Stammesrecht und Ordnung ihren Anspruch auf 
den Jüngling und auf die Jungfrau geltend machen. In modernen zivili- 
sierten Gemeinschaften ist dies die Zeit der zweiten und höheren Schulung 
oder des sonstigen Abschlusses des Lehrzeit für die Lebensaufgaben. Es ist 
die Periode der vollkommenen Emanzipation von der Familienatmosphäre 
und sie schließt, bei den Wilden sowohl als in niederen Klassen unserer 
eigenen Gesellschaft, normalerweise mit der Ehe und der Gründung einer 
neuen Familie ab. 




III 

Die erste Phase des Familiendramas: die glückliche 

Verbindung von Mutter und Kind in matrilinearen 

und patrilinearen Gesellschaften 

Es ist allgemein charakteristisch für die Säugetiere, daß das Junge mit 
der Geburt nicht frei und unabhängig wird, sondern daß es hinsichtlich 
Nahrung, Sicherheit, Wärme und körperlicher Bequemlichkeit auf die Für- 
sorge der Mutter angewiesen ist. Dem entsprechen verschiedene körperliche 
Einrichtungen bei Mutter und Kind. Es besteht physiologisch ein lebhaftes 
instinktives Interesse der Mutter für das Kind und eine Sehnsucht des 
Kindes nach dem mütterlichen Organismus, nach der Wärme ihres Körpers, 
nach ihren Umarmungen und vor allem nach der Milch und nach der 
Berührung ihrer Brust. Zunächst ist die Beziehung abgegrenzt durch den 
selektiven Charakter der mütterlichen Leidenschaft, — der Mutter ist nur 
der eigene Sprößling teuer, indes der Säugling sich mit dem Körper jeder 
säugenden Frau zufrieden gibt. Aber bald lernt auch das Kind unter- 
scheiden und seine Neigung wird ebenso exklusiv und individuell wie die 
der Mutter. So schafft die Geburt zwischen Mutter und Kind ein Band 
fürs Leben. 

Dieses Band ist zunächst in der biologischen Tatsache begründet, daß 
junge Säugetiere nicht unbehütet leben können und so hängt das Fort- 
bestehen der Art von einem mächtigen Instinkte ab, von dem der Mutter- 
liebe. Aber die Gesellschaft beeilt sich einzuschreiten und ihr zunächst 
schwaches placet der mächtigen Stimme der Natur hinzuzufügen. In allen 
menschlichen — wilden oder zivilisierten — Gemeinschaften nehmen die 
Sitten, das Becht und die Moral, zuweilen sogar die Beligion, Kenntnis 
vom Band zwischen Mutter und Kind, gewöhnlich bereits im frühen Stadium 
der beginnenden Schwangerschaft. Die Mutter, manchmal der Vater, haben 



i6 



Dr. Bronislaw Malinowski 



verschiedene Tabus und Verhütungsmaßregeln zu befolgen oder Riten zu 
verrichten, die mit der Wohlfahrt des neuen Lebens im Mutterschoß e zu 
tun haben. Die Geburt ist stets ein wichtiges soziales Ereignis, um die 
herum sich viele überlieferte Bräuche anhäufen, die oft religiösen Charakter 
tragen. So hat gerade das natürlichste und unmittelbarste biologische Band 
das zwischen Mutter und Kind, seine soziale Determination ebenso wie 
seine physiologische, und es kann daher nicht beschrieben werden, ohne 
daß auf den Einfluß hingewiesen würde, den Tradition und Brauch der 
Gemeinschaft ausüben. 

Wir wollen nun die sozialen Kodeterminanten der Mutterschaft in unserer 
eigenen Gesellschaft kurz zusammenfassend charakterisieren. Die. Mutter- 
schaft ist ein moralisches, religiöses und auch künstlerisches Ideal der Zivili- 
sation; eine schwangere Frau wird von Recht und Sitte bevorzugt, sie soll 
als etwas Geheiligtes gelten und sie selbst hat über ihren Zustand Stolz 
und Glück zu empfinden. Daß dies ein Ideal ist, das verwirklicht sein 
kann, dafür bürgen historische und ethnographische Tatsachen und sogar 
im modernen Europa setzen es die orthodoxen jüdischen Gemeinden in 
Polen in die Tat um; bei ihnen ist eine schwangere Frau ein Objekt 
echter Verehrung und sie empfindet auch Stolz darüber. In der christlich- 
europäischen Gesellschaft jedoch gilt die Schwangerschaft in den niederen 
Klassen als lästige Bürde und bei den Wohlhabenden ist sie eine Quelle 
von Verlegenheiten, Unbequemlichkeiten und bedingt eine zeitliche Ver- 
bannung aus dem gewöhnlichen gesellschaftlichen Leben. Da die Psycho- 
analyse die Bedeutung der pränatalen Einstellung der Mutter für die zu- 
künftigen Gefühle gegenüber dem Kinde erkannt hat und da diese Ein- 
stellung mit dem Milieu sehr wechselt und von sozialen Werten abhängt, 
ist es von Wichtigkeit auf dieses soziologische Problem hinzuweisen. 

Das biologische Verhalten und die triebhaften Impulse der Mutter bei 
der Geburt werden von der Gesellschaft gutgeheißen und bestärkt und in 
vielen ihrer Gebräuche, Sittenregeln und Ideale macht die Gesellschaft die 
Mutter zur Amme des Kindes, und zwar allgemein gesprochen sowohl in 
den oberen als in den niederen Schichten bei den meisten Völkern Europas. 
Dennoch lassen selbst bei dieser so fundamentalen und so stark biologisch ge- 
sicherten Beziehung in gewissen Gesellschaften Sitte und moralische Laxheit 
bemerkenswerte Abweichungen zu. So gibt es das barbarische System, das 
Kind für das erste Lebensjahr wegzugeben, etwa zu einer bezahlten Pflege 1 
mutter, was einst in der französischen Mittelklasse vorherrschend war oder 
das beinahe ebenso barbarische System, zur Schonung der Muttefbrust eine 



Mutterrechtliche Familie und Ödipus-Komplex 1 7 



Amme zu halten, oder das Kind künstlich zu nähren, was früher in wohl- 
habenden Kreisen vorherrschend war, heute aber wieder, falls nicht unbe- 
dingt notwendig, als unnatürlich gebrandmarkt wird. Hier hat der Sozio- 
loge wieder seinen Anteil beizutragen bei der getreuen Darstellung der 
Mutterschaft, da diese entsprechend den nationalen, ökonomischen und 
moralischen Unterschieden wechselt. 

Wir wollen nun die gleiche Beziehung in einer matrilinearen Gesell- 
schaft an den Gestaden des Stillen Ozeans ins Auge fassen. Die Mela- 
nesierin bekundet unwandelbar eine heiße Liebe für ihr Kind, und die sie 
umgebende Gesellschaft bekräftigt sie in ihren Empfindungen, führt ihren 
Neigungen durch Sitte und Brauch Nährstoff zu und idealisiert sie. Vom 
ersten Moment der Schwangerschaft angefangen wacht die Mutter über das 
Wohlergehen des Sprößlings, indem sie eine Anzahl von Speisetabus und 
anderen Verhaltungsmaßregeln beobachtet. Das schwangere Weib wird 
gewohnheitsgemäß als etwas Verehrungswürdiges betrachtet, ein Ideal, das 
durch das tatsächliche Verhalten und die Empfindungen dieser Eingeborenen 
vollauf verwirklicht ist. Bei der ersten Schwangerschaft wird eine sorgfältig 
ausgearbeitete Zeremonie vollzogen, die einen verwickelten und etwas unklaren 
Zweck hat, die aber die Wichtigkeit des Ereignisses betont und der Schwan- 
geren eine bestimmte Distinktion und Ehre einbringt. 

Nach der Geburt werden Mutter und Kind für etwa einen Monat ab- 
gesondert, wobei stets die Mutter selbst ihr Kind pflegt und nährt; in dieser 
Zeit erhalten nur bestimmte weibliche Verwandte Einlaß in- die Hütte. 
Eine Adoption ist unter normalen Umständen sehr selten und selbst dann 
wird das Kind gewöhnlich nur übergeben, nachdem es entwöhnt ist. Es 
wird auch niemals von Fremden adoptiert, sondern ausschließlich von den 
nächsten Verwandten. Eine Reihe von Verhaltungsmaßregeln, sowie rituelle 
Waschungen von Mutter und Kind, von der Mutter zu befolgende spezielle 
Tabus, Vorstellungsbesuche, schlingen um Mutter und Kind ein Band von 
Gebräuchen, das zu dem natürlichen hinzukommt. 

So kommen in beiden Gesellschaftsordnungen zu der biologischen Be- 
schaffenheit der Triebe, die sozialen Kräfte von Moral, Sitte und Brauch 
hinzu und beiderlei Faktoren wirken in der gleichen Richtung, indem sie 
Mutter und Kind aneinanderbinden, ihnen vollen Spielraum für die affek- 
tive Intimität der Mutterschaft bieten. Diese Harmonie zwischen sozialen 
und biologischen Kräften gewährleistet volle Befriedigung und höchste 
Wollust. Die Gesellschaft wirkt mit der Natur zusammen, die seligen Bedin : 
gungen des Mutterleibes, die durch die Geburt unterbrochen wurden, wieder 



! 



i8 



Dr. Bronislaw Malinowski 



herzustellen. Dr. Rank hat in einer Arbeit („Das Trauma der Geburt" 
1924), die sich ohne Zweifel von großem Wert für die Entwicklung der 
Psychoanalyse erweisen wird, die außerordentliche Bedeutung der Mutter- 
leibsexistenz und ihrer Erinnerungen für das spätere Leben hervorgehoben 
Es scheint, daß der erste Monat nach der Geburt vermöge des Zusammen- 
wirkens biologischer und soziologischer Kräfte einen ähnlichen Wollust- 
zustand schafft, der durch das Trauma der Entwöhnung unterbrochen wird. 
Von diesem Stand der Dinge abweichende Ausnahmen sind nur in den 
höheren Klassen der zivilisierten Gesellschaft vorzufinden. 

Viel größer ist der Unterschied in bezug auf die Vaterschaft in dieser 
Kindheitsperiode in der patriarchalischen und in der matrilinearen Familie 
Es zeigt sich eigentlich wider Erwarten, daß in einer primitiven Gesell- 
schaft, in der die physischen Bande der Vaterschaft unbekannt sind und 
Mutterrecht obwaltet, der Vater dennoch in einer viel intimeren Be- 
ziehung zu den Kindern steht, als es normalerweise bei uns selbst der Fall 
ist. Denn in unserer Gesellschaft hat der Vater in der Tat nur sehr wenig 
mit dem ganz kleinen Kind zu schaffen. Gewohnheit, Sitte und Brauch 
halten den wohlhabenden Vater von der Kinderstube ferne, indes der Bauer 
oder der Arbeiter das Kind für den größten Teil der vierundzwanzig Stunden 
seinem Weibe überläßt. Er mag sich vielleicht darüber aufhalten, wie- 
viel Aufmerksamkeit und Zeit der Säugling in Anspruch nimmt, aber in 
der Regel wird er dem Säugling weder helfen, noch ihn stören. Bei den 
Melanesiern ist die „Vaterschaft", wie wir sie kennen, bloß eine soziale 
Beziehung. Ein Teil dieser Beziehung besteht eben in der Dienstbeflissen- 
heit gegenüber den Kindern seines Weibes; er ist da, um „sie in seine 
Arme zu nehmen", eine Redensart, die wir bereits angeführt haben; er 
hat sie herumzutragen, wenn die Mutter unterwegs ermüdet und er 'hat 
zu Hause bei der Ernährung, die bei den Melanesiern immer zum Teil 
auch künstlich ist, zu helfen. Er sorgt für ihre natürlichen Bedürfnisse 
und reinigt sie und es gibt viele stereotype Wendungen in der Sprache 
der Eingeborenen, die auf die Mühseligkeiten der Vaterschaft hinzielen und 
daher auf die Pflicht zur kindlichen Dankbarkeit. Ein typischer Vater von 
den Trobriandinseln ist ein Schwerarbeiter und ein gewissenhafter Kinder- 
wärter, wobei er dem Gebote der Pflicht folgt, die in der sozialen Über- 
lieferung ausgedrückt ist. In unserer Gesellschaft ist für den Vater in diesem 
Gemälde kein Platz und im besten Falle fällt ihm nur eine untergeordnete 
Rolle zu. Auf den Trobriandinseln spielt er eine weitaus aktivere Rolle, 
was vor allem darum wichtig ist, weil sie ihm einen viel größeren Spiel- 



19 



räum zur Schaffung von Gefühlsbindungen gegenüber seinen Kindern 
gewährt. In beiden Gesellschaftsordnungen ist hier, mit wenig Ausnahmen, 
kaum Raum vorhanden für einen Konflikt zwischen der biologischen Tendenz 
und den sozialen Bedingungen. 



Mutterrechtliche Familie und Ödipus-Komplex 






! 






IV 



tfibK&l 



Der erste Konflikt in der patriarchalischen und 
das Andauern der Harmonie in der matrilinearen 

Gesellschaft 

Wir haben nun die Periode erreicht, in der das Kind bereits entwöhnt 
ist, gehen lernt und zu sprechen beginnt. Es hat biologisch seine Unab- 
hängigkeit vom Leib der Mutter erlangt, aber nur allmählich. Es klammert 
sich nicht minder als bisher an die Mutter, ersehnt stets heiß ihre An- 
wesenheit, die Berührung ihres Körpers und ihre zärtliche Umarmung. 

Das ist die natürliche biologische Tendenz, aber in unserer Gesellschaft, 
auf welcher Stufe immer sie sei, stellen sich den Wünschen des Kindes 
Hindernisse in den Weg. Vor allem wollen wir uns vergegenwärtigen, daß 
diese Epoche durch den Prozeß der Entwöhnung eingeleitet wird. Dadurch 
ist die wonnevolle Harmonie des infantilen Lebens unterbrochen oder zu- 
mindest eingeschränkt. In den höheren Klassen wird die Entwöhnung 
stufenweise und angemessen vorbereitet, so daß sie gewöhnlich ohne einen 
Schock verläuft. Aber bei den Frauen der niederen Klassen in unserer Gesell- 
schaft ist die Entwöhnung oft eine qualvolle Erschütterung für die Mutter 
und sicherlich auch für das Kind. Später tauchen andere Hindernisse für 
die Intimität zwischen Mutter und Kind auf, bei dem übrigens auf dieser 
Stufe eine bemerkenswerte Änderung Platz gegriffen hat. Es wird unab- 
hängiger in seinen Fortbewegungen, kann sich selbst Nahrung zuführen, 
kann manche seiner Gefühle und Gedanken aussprechen, es beginnt zu 
verstehen und zu beobachten. In den höheren Klassen wird die Mutter 
durch die Einrichtung der Kinderstube allmählich vom Kind getrennt. Dies 
erfordert keine Schocks, hinterläßt aber im Leben des Kindes doch irgend 
eine Bresche, ein Verlangen, ein unbefriedigtes Bedürfnis. In den niederen 
Klassen, wo das Kind das Bett mit den Eltern teilt, wird es von einem 



bestimmten Zeitpunkt an zu einer Quelle von Verlegenheiten und zu einem 
Hindernis und erfährt eine rauhe und brutale Zurücksetzung. 

Wie verhält sich nun in diesem Lebensalter die Mutterschaft auf den 
Koralleninseln Neuguineas, verglichen mit der unsrigen? Vor allem erfolgt 
die Entwöhnung in einem viel späteren Lebensalter, zu einer Zeit, in der 
das Kind schon unabhängig ist, herumrennen, wirklich alles essen kann 
und schon andere Interessen verfolgt. Die Entwöhnung erfolgt eben zu 
einem Zeitpunkte, da das Kind die Mutterbrust nicht mehr wünscht, noch 
braucht, so daß diese erste Erschütterung ausgeschaltet ist. 

Das „Matriarchat", die Herrschaft der Mutter bedingt keineswegs eine 
grausame, schreckliche Mannweib-Mutter. Die Trobriandsche Mutter trägt 
ihre Kinder, liebkost sie und spielt mit ihnen ebenso liebevoll jetzt wie in 
der ersten Periode der Kindheit, wie es die Sitte auch erfordert. Das Kind 
ist an sie gebunden, und zwar vermöge Recht, Sitte und Brauch durch 
ein engeres Band als ihr Mann, dessen Rechte denen der Nachkommen- 
schaft untergeordnet sind. Die Alkovenpsychologie der ehelichen Beziehungen 
hat hier also einen abweichenden Charakter und die Verdrängung des 
Kindes von der Mutter durch den Vater ist gewiß kein typischer Vorgang, 
wenn es überhaupt vorkommt. Ein anderer Unterschied zwischen ihrer Rolle 
und der der typischen europäischen Mutter ist, daß die Mutter in Melanesien 
viel nachsichtiger ist. Da das Kind nur wenig abgerichtet wird und es 
kaum irgendwelche sittliche Erziehung gibt (und die vorhanden ist, beginnt 
später und wird von einer anderen Person, von dem Mutterbruder gegeben), 
so bleibt kaum Raum für Strenge übrig. Dieses Fehlen der mütterlichen 
Disziplin schließt, auf der einen Seite, jene Ausartung der Strenge aus, 
wie sie bei uns manchmal vorkommt, anderseits vermindert es jedoch beim 
Kinde das Gefühl der Interessiertheit, den Wunsch, sich den Gefallen der 
Mutter- zu erhalten, ihr Lob zu erlangen, was bei uns eines der festesten 
Bande der Kindesgefühle ist und große Möglichkeiten für die Errichtung 
ständiger Beziehungen im späteren Leben mit sich bringt. 

Nun zur väterlichen Beziehung übergehend sehen wir, daß der Vater 
in unserer Gesellschaft, ohne Rücksicht auf Nation oder soziale Klasse sich 
eines patriarchalischen Zustandes erfreuen kann. Er ist das Haupt der 
Familie, er ist maßgebend für die Abstammung und er ist auch der wirt- 
schaftliche Versorger. Ein absoluter Herrscher in der Familie, kann er leicht 
zum Tyrannen werden, was zur Ursache von allerlei Reibungen wird 
zwischen ihm auf der einen Seite und Weib und Kindern auf der anderen 
Seite. Die Einzelheiten hängen sehr vom sozialen Milieu ab. In den wohl- 



Dr. Bronislaw Malinowski 



habenden Klassen der westlichen Zivilisation ist das Kind durch allerhand 
Kinderstubeneinrichtungen vom Vater gut abgesondert. Wenn auch ständig 
in der Kinderstube, hört das Kind gewöhnlich auf die Mutter und es wird 
von der Mutter beaufsichtigt, die in solchen Fällen fast unverändert ihren 
Platz in der Gefühlswelt des Kindes behauptet. Der Vater hingegen erscheint 
selten auf dem Horizonte des Kindes und wenn, dann nur als Zuschauer 
und Fremder, vor dem die Kinder zu paradieren und sich gut zu benehmen 
haben. Er ist die Quelle der Autorität, der Ursprung der Strafen und wird 
somit ein Popanz. Das Ergebnis ist gewöhnlich ein Mischgebilde: er ist 
das vollkommene Wesen, um dessen Wohlwollen das beste von allem zu 
geschehen hat und gleichzeitig ist er ein Wauwau , vor dem sich das Kind zu 
fürchten hat und um dessen Bequemlichkeit willen, wie das Kind es sich 
vorstellt, der ganze Haushalt eingerichtet ist. Der liebende und sympathische 
Vater wird seine Rolle als Halbgott beibehalten können. Der wichtigtuende, 
steife oder taktlose wird in der Kinderstube bald Argwohn oder sogar Haß 
ernten. Im Verhältnis zum Vater wird die Mutter eine Vermittlerin, die 
manchmal bereit ist, das Kind an die höhere Behörde zu denunzieren, aber 
die sich auch ins Mittel legen kann gegen eine Bestrafung. 

Anders ist das Bild, wenn auch die Ergebnisse nicht unähnlich sind, 
in den Einzimmer- und Einbetthaushaltungen der armen Bauernbevölkerung 
in Mittel- und Osteuropa, oder der niedereren Arbeiterklassen. Der Vater 
gelangt in einen engen Kontakt zum Kind, was nur unter seltenen Um- 
ständen eine größere Zuneigung zuläßt, vielmehr in der Regel zu heftigen 
und chronischen Reibungen führt. Wenn der Vater müde von seiner Arbeit 
heimkehrt, oder betrunken aus dem Wirtshaus, läßt er seinen Verdruß an 
der eingeschüchterten Familie, an Frau und Kindern aus. Es gibt kein Dorf, 
kein Armenviertel in der modernen Großstadt, wo es nicht Fälle reiner 
patriarchalischer Grausamkeit gäbe. Ich kenne aus eigener Erinnerung zahl- 
reiche Fälle, in denen bei den Bauern die Väter, wenn sie betrunken heim- 
kehren, die Kinder zum bloßen Zeitvertreib prügeln, oder sie aus dem Bett 
zerren und in die kalte Nacht hinausschicken. 

Selbst im besten Falle haben die Kinder, wenn der Vater von der Arbeit 
heimkehrt, sich ruhig zu verhalten, die lärmenden Spiele einzustellen und 
die spontanen kindlichen Ausbrüche von Freude und Trauer zu unter- 
drücken. Der Vater ist die höchste Quelle der Bestrafungen, auch in den 
armen Haushaltungen, indes die Mutter als Vermittlerin fungiert und oft mit 
den Kindern die ihnen zuteilwerdende Behandlung teilen muß. In den ärmeren 
Haushaltungen ist überdies die ökonomische Rolle des Vaters als Ernährer 



Mutterrechtliche Familie und Ödipus-Komplex 23 



und seine soziale Macht viel rascher und bestimmter anerkannt und sie 
wirkt sich in der gleichen Richtung aus, wie sein persönlicher Einfluß. 
Die Rolle des melanesischen Vaters in dieser Lebensphase ist durchaus 
verschieden von der des europäischen Patriarchen. Ich habe oben seine sehr 
verschiedene soziale Stellung als Gatte und Vater und seine Rolle die er 
im Haushalte spielt, kurz skizziert. Er ist nicht das Haupt der Familie, 
er überträgt seine Abstammung nicht auf seine Kinder, noch ist er m der 
Hauptsache der Ernährer. Dies ändert seine Rechtslage ganz und seine 
persönliche Einstellung zu seinem Weibe. Ein Trobriander zankt selten 
mit seiner Frau, versucht kaum jemals sie zu brutalisieren, kann pdenfalls 
eine dauernde Tyrannei nicht ausüben. Selbst der Geschlechtsverkehr wird 
nach eingeborenem Recht und Gebrauch nicht als des Weibes Pflicht und 
des Gatten Anspruch betrachtet, wie in unserer Gesellschaft Die Ein- 
geborenen auf den Trobriands huldigen der überlieferten Ansicht, daß der 
Gatte in der Schuld des Weibes steht für die empfangenen sexuellen Dienste, 
daß er sie sich verdienen und für sie bezahlen muß. Eines der Mittel, das 
Hauptmittel in der Wirklichkeit, um sich bezahlt zu machen, sind eben 
die Dienstleistungen an den Kindern und die Bekundung von Gefühlen 
ihnen gegenüber. Die Eingeborenen haben viele Sprüche, die in freier, volks- 
tümlicher Art diesen Grundsätzen Ausdruck verleihen. Für den Säugling hat 
der Gatte Kindermädchen zu sein, zärtlich und liebevoll; später in der frühen 
Kindheit spielt er mit dem Kind, trägt es herum und lehrt es soviel unter- 
haltende Beschäftigungen und Spiele, als seine Phantasie ^"nur zulaßt. 

So spielen die Überlieferungen (Recht, Sitte und Brauch des Stammes) 
und all die Kräfte der Organisation zusammen, um dem Mann in seiner 
Rolle als Gatte und Vater eine durchwegs andere Einstellung zu verleihen, 
als es die eines Patriarchen ist. Öbschon dies in einer abstrakten Weise 
bestimmt wird, ist es keineswegs bloß ein gesetzliches, vom Leben losgelöstes 
Prinzip. Es kommt in jedem Detail des täglichen Lebens zum Ausdruck, 
durchdringt alle Beziehungen innerhalb der Familie und alle auftretenden 
Gefühle. Die Kinder sehen ihre Mutter nie brutalisiert oder m einer klag- 
lichen Abhängigkeit vom Gatten, nicht einmal wenn sie als Gemeine mit 
einem Häuptling verheiratet ist. Sie fühlen nie seine schwere Hand über 
sich- er ist nicht ihr Verwandter und weder ihr Eigentümer, noch ihr Wohl- 
täter. Er hat ihnen gegenüber keine Ansprüche und Vorrechte. Trotzdem hat 
er, wie jeder normale Vater der ganzen Welt, ein starkes Empfinden für 
sie und vermöge dieses, sowie seiner traditionellen Pflicht, trachtet er, ihre 
Liebe zu gewinnen und einen Einfluß über sie zu erlangen. 






Vergleichen wir nun die europäische Vaterschaft mit der melanesischen, 
so ist es wichtig das Biologische ebenso im Auge zu' behalten wie das 
Soziologische. Biologisch besteht unzweifelhaft beim Durchschnittsmanne 
eine Tendenz zu positiven zärtlichen Gefühlen für seine Kinder. Doch diese 
Tendenz scheint nicht stark genug zu sein, um das viele Ungemach, das 
die Kinder den Eltern aufbürden, aufzuwiegen. Wenn also die Gesellschaft 
einschreitet und in dem einen Falle erklärt, daß der Vater der absolute 
Herr ist und die Kinder für sein Wohlergehen, sein Vergnügen und seinen 
Ehrgeiz da sind, so wird durch diesen sozialen Faktor die richtige Gleich- 
gewichtslage zwischen der natürlichen positiven Zuneigung und der natür- 
lichen Abneigung gegen das Lästige angenähert. Wenn anderseits die matri- 
lineare Gesellschaft dem Vater keine Privilegien und Ansprüche auf die 
Gefühle der Kinder einräumt, so muß er sie sich eben verdienen und wenn 
wieder in derselben unzivilisierten Gesellschaft seine Nerven, seine Ambi- 
tionen und seine wirtschaftliche Verantwortlichkeit einer geringeren An- 
spannung ausgesetzt' sind, so ist er eben eher in der Lage, sich seinen 
väterlichen Instinkten zu widmen. So beginnt in unserer Gesellschafts- 
ordnung der Ausgleich zwischen den biologischen und den soziologischen 
Kräften, der in der frühesten Periode befriedigend war, in der zweiten 
Kindheitsperiode eine Lücke in der Harmonie zu zeigen. In der melanesi- 
schen Gesellschaft bleiben die harmonischen Verhältnisse aufrecht. Das 
Vaterrecht ist, wie wir gesehen haben, in hohem Grade die Quelle des 
Familienkonfliktes, indem es dem Vater soziale Rechte und Vorrechte ein- 
räumt, die weder im Verhältnis stehen zu seinen biologischen Neigungen, 
noch zu der persönlichen Zuneigung, die er für seine Kinder empfinden 
und in ihnen erwecken kann. 






Die infantile Sexualität bei den Kindern der Wilden 
und der Zivilisierten 

Wenn ich mich auf dasselbe Gebiet begeben habe wie Freud und die 
Psychoanalytiker, war ich dennoch bestrebt, dem Problem der Sexualität 
auszuweichen, und zwar zum Teil, um den soziologischen Gesichtspunkt 
meiner Untersuchung hervorzuheben, zum Teil behufs Vermeidung strittiger 
Fragen, wie z. B. über die Mutter-Kind-Beziehung, über die Libido usw. 
Aber in dieser Phase, wo das Kind bereits unabhängig zu spielen beginnt 
und ein Interesse an den Menschen und Geschehnissen seiner Umgebung 
entwickelt, äußert sich die Sexualität bereits in Formen, die auch der 
äußerlichen soziologischen Beobachtung schon zugänglich sind und das 
Familienleben direkt berühren. Ein gewissenhafter Beobachter der euro- 
päischen Kinder, und zwar einer, der seine eigene Kindheit nicht vergessen 
hat, muß anerkennen, daß in einem gewissen Alter, etwa zwischen dem 
dritten und vierten Lebensjahr, ein Interesse und eine Neugierde bestimmter 
Art erwacht. Abseits der normalen, erlaubten und „braven" Dinge, er- 
schließt sich eine Welt verschämter Wünsche, heimlicher Interessen und 
unterirdischer Impulse. Es kristallisieren sich zwei Kategorien der Dinge 
heraus, das „Anständige" und das „Unanständige", Kategorien, die bestimmt 
sind, fürs ganze Leben aufrechterhalten zu werden. Bei manchen Indi- 
viduen wird das „Unanständige" vollkommen unterdrückt und die echten 
Werte der Dezenz zu den bösartigen „Tugenden" des Puritanismus über- 
trieben oder — was noch abstoßender ist — zur heuchlerischen Schein- 
heiligkeit der konventionellen Moral. Oder bei anderen wird das natürlich 
Dezente durch ein Übermaß pornographischer Befriedigung überwuchert 
und die andere Kategorie, das „Unanständige", erfüllt dann eben den Geist 
vollkommen mit seinem Kitzel. 




26 



Dr. Bronislaw Malinowsld 



In der zweiten Kindheitsperiode, die wir jetzt betrachtet haben, nach 
meinem Schema ungefähr von vier bis sechs Jahren, besteht das „Unan- 
ständige am Interesse an exkretorischen Funktionen, Exhibitionen, Kinder- 
spielen mit schlüpfrigen Themen, oft auch mit Grausamkeit verbunden. 
Zwischen den Geschlechtern wird kaum unterschieden und es besteht 
wenig Interesse für die genitale Seite der Materie. Jedermann, der längere 
Zeit unter Bauern gelebt hat und näheren Einblick hatte, wie es dort bei 
den Kindern zugeht, wird zugeben, daß dieser Zustand dort eine normale 
wenn auch nicht offen zur Schau getragene Angelegenheit ist. In der 
Arbeiterklasse scheint es auch nicht von anderer Bewandtnis zu sein > In 
den höheren Klassen sind die Erscheinungen viel mehr unterdrückt doch 
nicht wesentlich abweichend. Beobachtungen in diesen sozialen Schichten 
mögen sie auch schwieriger sein, als die unter Bauern, sollten aus päda- 
gogischen, moralischen und eugenetischen Gründen dringendst angestellt 
und geeignete Untersuchungsmethoden festgesetzt werden. Die Ergebnisse 
wurden, wie ich glaube, in außergewöhnlichem Maße Bestätigung für die 
Behauptungen Freuds und seiner Schule erbringen. 2 

Wie beeinflußt nun die neu erwachte infantile Sexualität oder infantile 
Unanständigkeit die Beziehung zur Familie? Bei der Einteilung der 
Dinge m anständige und unanständige gelangen die Eltern und besonders 
die Mutter völlig in die erste Kategorie und sie bleiben in der Auffassung 
des Kindes vollkommen unberührt vom Unanständigen. Das Gefühl, daß 
die Mutter von irgend einer heiklen Spielerei Kenntnis haben könnte, ist 
dem Kinde außerordentlich zuwider und es besteht auch eine starke Ab- 
neigung dagegen, in ihrer Anwesenheit darauf anzuspielen oder mit ihr 
über irgendwelche sexuelle Dinge zu reden. Der Vater, der ebenfalls streng 
außerhalb der Kategorie des „Unanständigen" eingereiht ist, wird zudem 
als die moralische Instanz betrachtet, die durch solche Gedanken oder solche 



reichlich"^ Material v f^ iue f uS ^ S ° ziolo S e war > hat ™ * dieser Hinsicht 
ST Materml VerSehen ' daS mit meinen *8™* Beobachtungen ganz über- 

ühe? J^^ Beha "f un e en über ^s normale Auftreten der Sexualität vor der Reife 
und / ^/^Unterscheidung zwischen den Geschlechtern, über die Analfrotik 

durchaus wSJTi § ^ ^TT ^ *«* Wna8 f ™™ B«Ä£ 
üurcnaus bestätigen. In einer neueren Arbeit (Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse icL- 
Freud, Gesammelte Schriften, Bd. V, S. ^ ff.) hat Freud seine ruWn Richten 

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Mutterrechtliche Familie und Ödipus-Romplex 



27 



Spielereien verletzt wird. Das Kind hat mit dem Unanständigen dauernd 
ein Schuldgefühl verknüpft. 

Freud und die psychoanalytische Schule legen großen Nachdruck auf 
die Rivalität zwischen Mutter und Tochter, beziehungsweise Vater und 
Sohn. Meine eigene Meinung ist, daß die Rivalität zwischen Mutter und 
Tochter nicht in diesem frühen Alter beginnt. Jedenfalls habe ich keine 
Spur von ihr beobachten können. Die Beziehungen zwischen Vater und 
Sohn sind komplizierter, obwohl, wie schon gesagt, der kleine Bub seiner 
Mutter gegenüber keine Gedanken, Wünsche und Impulse hat, die er selbst 
als zur Kategorie des Unanständigen gehörig empfinden könnte, kann es 
nicht bezweifelt werden, daß ein junger Organismus auf den engen körper- 
lichen Kontakt mit der Mutter sexuell reagiert. Es ist ein bekannter Rat- 
schlag, den bei den Bauern alte Gevatterinnen einer jungen Mutter erteilen, 
daß die Buben um das dritte Lebensjahr herum von der Mutter bereits 
abgesondert schlafen sollen. Das Vorkommen infantiler Erektionen ist in 
diesen Gemeinschaften gut bekannt und auch die Tatsache, daß der Knabe 
in einer anderen Art an der Mutter hängt wie das Mädchen. Daß bei dem 
Vater und dem jungen männlichen Kind unter solchen Umständen eine 
Komponente sexueller Rivalität besteht, erscheint auch einem äußerlichen 
soziologischen Beobachter wahrscheinlich. Die Psychoanalytiker behaupten 
dies kategorisch. In den wohlhabenden Klassen entstehen rohe Konflikte, 
wenn überhaupt, viel seltener. Aber sie entstehen in der Phantasie und 
in einer verfeinerten, wenn vielleicht auch nicht weniger heimtückischen 

Form. 

Es muß bemerkt werden, daß in diesem Alter, da die Kinder ent- 
sprechend dem Geschlechte Abweichungen in Charakter und Temperament 
zu zeigen beginnen, die Gefühle der Eltern für die Söhne und die Töchter 
sich differenzieren. Der Vater sieht in seinem Sohne seinen Nachfolger, 
seinen Stammhalter, der ihn einmal ersetzen wird. Er wird daher um so 
kritischer, und dies beeinflußt seine Empfindungen nach zwei Richtungen. 
Wenn der Knabe gewisse geistige oder physische Defekte verrät, das Ideal 
des Vaters nicht erfüllt, wird dies zur Quelle bitterer Enttäuschungen und 
Feindseligkeiten. Anderseits führt gerade auf dieser Stufe ein bestimmtes 
Maß an Rivalität, der Groll wegen der zukünftigen Absetzung, die Melan- 
cholie der verfallenden Generation, zu einer gewissen Feindseligkeit. In 
beiden Fällen unterdrückt, verleiht diese Feindseligkeit dem Vater eine 
gewisse Härte gegenüber dem Sohn und dies provoziert auf dem Reaktions- 
wege eine Erwiderung der feindseligen Gefühle. Die Mutter anderseits hat 



: 1 

i 



keinen Grund zu negativen Gefühlen und hat für ihren Sohn um so höhere 
Bewunderung, als er doch ein Mann ist. Die Gefühle des Vaters für die 
Tochter, die ja eine Wiederholung von ihm selbst in einer weiblichen 
Form ist, können kaum anders als zärtlich sein und schmeicheln vielleicht 
auch seiner Eitelkeit. So bedingen die sozialen Faktoren, kombiniert mit 
dem biologischen, daß der Vater sich mit mehr Zärtlichkeit zur Tochter 
hingezogen fühlt als zum Sohn, indes es bei der Mutter umgekehrt ist. 
Aber es muß bemerkt werden, daß die Neigung zum Kinde des anderen 
Geschlechtes, weil es vom anderen Geschlechte ist, noch nicht unbedingt 
eine geschlechtliche Neigung sein muß. 

In Melanesien finden wir einen ganz anderen Typus der sexuellen Ent- 
wicklung des Kindes. Daß die biologischen Triebe nicht wesentlich ab- 
weichen, scheint außer Zweifel zu stehen. Aber ich konnte keine Spuren 
dessen finden, was man als infantile „Unanständigkeiten" bezeichnen könnte, 
keine Spuren einer unterirdischen Welt, in der allerlei geheimer kindlicher 
Zeitvertreib sich mit Exhibitionen und exkretorischen Funktionen be- 
schäftigt. Der Gegenstand bedingt natürlich gewisse Schwierigkeiten der 
Beobachtung, denn es ist schwer, in irgend eine persönliche Beziehung zu 
dem Kind bei den Wilden zu treten, und wenn es bei ihnen so eine Welt 
von unanständigen Dingen gäbe wie bei uns, wäre es ebenso nutzlos, das 
Kind durch einen beliebigen erwachsenen Eingeborenen ausfragen zu lassen, 
wie etwa in unserer Gesellschaft durch eine gewöhnliche Eltern- oder Pflege- 
person. Aber einen Umstand gibt es, demzufolge die Situation bei diesen 
Eingeborenen von der unsrigen so grundverschieden ist, daß die Gefahr 
eines Irrtums ausgeschlossen ist. Daß es nämlich bei ihnen kein Ver- 
drängen, keine Zensur, kein moralisches Verwerfen der infantilen Sexualität 
genitalen Charakters gibt, wenn diese — zu einem etwas späteren Zeit- 
punkt, als der den wir jetzt betrachten, um das fünfte und sechste Jahr 
herum — ans Licht tritt. Wenn es hier also doch eine frühe „Unanständig- 
keit" gäbe, könnte diese ebenso leicht beobachtet werden, wie die späteren 
genitalen Symptome sexueller Spielereien. Wie können wir also erklären, 
daß es bei den Wilden keine Periode gibt, die wir mit Freud als prä- 
genital, als analerotisch interessiert bezeichnen könnten? Wir werden eher 
in die Lage kommen, dies zu verstehen, wenn wir die Sexualität in der 
nächste Phase der kindlichen Entwicklung behandeln werden, eine Sexualität, 
durch die sich das melanesische Kind von dem unsrigen wesentlich unter- 
scheidet. 



VI 



Vorbereitung fürs Leben und Reaktion gegen die 

Autorität 

Wir kommen nun zur dritten Periode der Kindheit, zum Alter zwischen 
fünf und sieben Jahren. In dieser Zeit beginnt das Kind, sich unabhängig 
zu fühlen, sich seine eigenen Spiele zu schaffen, nach gleichaltrigeu Genossen 
zu suchen, mit denen es gerne umherschweift, ohne sich von den Erwachsenen 
stören zu lassen. Es ist dies auch die Zeit, in der die Spiele allmählich in 
bestimmtere Beschäftigungen und ernstere Lebensinteressen übergehen. 

Führen wir nun unsere Parallele auch für diesen Zeitabschnitt durch. 
In Europa entzieht der Eintritt in die Schule oder eine Art frühzeitiger 
Vorbereitung für einen Beruf das Kind dem Einfluß der Familie. Der 
Knabe oder das Mädchen verliert bis zu einem gewissen Grad die aus- 
schließliche Anhänglichkeit an die Mutter. Bei dem Knaben findet in dieser 
Periode häufig eine Gefühlsübertragung auf einen Mutterersatz statt, dem 
vorläufig fast die gleiche Zärtlichkeit wie der Mutter, aber keine anderen 
Gefühle entgegengebracht werden. Diese Übertragung darf nicht verwechselt 
werden mit der viel späteren Neigung heranwachsender Knaben sich in 
Frauen zu verlieben, die älter sind als sie selbst. Zur gleichen Zeit ent- 
steht der Wunsch nach Unabhängigkeit gegenüber dem in alle Angelegen- 
heiten eindringenden mütterlichen Interesse, der das Kind veranlaßt, der 
Mutter nicht mehr rückhaltlos alles anzuvertrauen. Bei den Bauern und in 
den unteren Klassen findet dieser Emanzipationsprozeß früher statt als in 
den höheren, aber in allem Wesentlichen sind sind sie einander ähnlich. 
Wenn die Mutter eine tiefe Zuneigung für das Kind, besonders den Knaben, 
empfindet, so wird sie wegen dieser Unabhängigkeit leicht bis zu einem 
gewissen Grade Eifersucht und Kränkung empfinden und ihr Hindernisse 
in den Weg legen. Das aber macht das Losreißen nur noch schmerzlicher 
und gewaltsamer. 









Die Kinder auf den Koralleninseln des westlichen Stillen Ozeans zeigen 
eine ähnliche Neigung. Sie tritt sogar noch deutlicher zutage, denn die 
Abwesenheit jeder Zwangserziehung und jeder strengen Disziplin in diesem 
Alter läßt den natürlichen Neigungen des Kindes mehr Spielraum. Auf 
selten der Mutter aber gibt es in Melanesien keinerlei eifersüchtige Krän- 
kung oder Angst wegen der neu gewonnenen Unabhängigkeit des Kindes- 
wir sehen hier deutlich, wie der Mangel an tieferem erzieherischen Inter- 
esse zwischen Mutter und Kind sich geltend macht. In dieser Periode be- 
ginnen die Kinder auf den Tobriandinseln eine kleine jugendliche Gemein- 
schaft innerhalb der Gemeinschaft zu bilden. Sie schweifen in Banden um- 
her, spielen an entfernten Ufern oder abgeschiedenen Teilen des Urwaldes, 
vereinigen sich mit anderen kindlichen Gemeinschaften benachbarter Dörfer 
und sind in alledem, obwohl sie den Weisungen ihrer kindlichen Führer 
gehorchen, vollständig unabhängig von der Autorität der Erwachsenen. 
Niemals versuchen die Eltern, sie zurückzuhalten, sich irgendwie in ihre 
Angelegenheiten zu mischen, oder sie nach einer bestimmten Regel zu 
lenken. Anfangs behält die Familie natürlich noch einen bedeutenden Ein- 
fluß auf das Kind, aber der Loslösungsprozeß geht allmählich und stetig 
vor sich, in natürlicher Entwicklung, ohne gehemmt zu werden. 

Darin liegt ein großer Unterschied zwischen den europäischen Verhält- 
nissen, wo das Kind oft von der engen Familiengemeinschaft direkt in die 
strenge Zucht der Schule oder in eine andere Vorschulung kommt, und 
der Lage der Dinge in Melanesien, wo der Emanzipationsprozeß schritt- 
weise, unbehindert und schmerzlos vor sich geht. 

Und wie steht es nun mit dem Vater in diesem Zeitabschnitt? In 
unserer Gesellschaft stellt er immer noch das Prinzip der Autorität in der 
Familie dar. Außerhalb, in der Schule, im Geschäft, bei der frühzeitigen 
manuellen Arbeit, zu der das Bauernkind oft verhalten wird, ist es der 
Vater persönlich oder seine Autorität indirekt oder sein Stellvertreter, der 
die Gewalt ausübt. In den höheren Klassen findet in dieser Periode der 
höchst bedeutsame Prozeß statt, durch den sich der Begriff der Vater- 
autorität und des Vaterideals bewußt bildet. Das Kind beginnt nun zu ver- 
stehen, was es früher gefühlt und erraten hat, nämlich die festgefügte 
Autorität des Vaters als Familienoberhaupt und seine ökonomische Bedeu- 
tung. Die Vorstellung von seiner idealen Unfehlbarkeit, Weisheit, Gerech- 
tigkeit und Macht wird gewöhnlich in verschiedenen Abstufungen und auf 
verschiedene Art dem Kind von der Mutter oder Pflegerin bei der reli- 
giösen oder moralischen Erziehung eingeimpft. Nun ist die Rolle eines 



__ 



Mutterrechtliche Familie und Ödipus-Komplex 



Ideals niemals leicht, und sie in der Intimität des täglichen Lebens fest- 
zuhalten, ist, besonders für jedermann, dessen schlechte Laune und Schrullen 
durch keinerlei Disziplin unterdrückt werden, tatsächlich eine schwere 
Aufgabe. So beginnt das Vaterideal, kaum gebildet, auch schon der Zer- 
störung anheim zu fallen. Das Kind fühlt anfänglich nur ein unbestimmtes 
Mißbehagen bei der üblen Laune oder Schwäche seines Vaters, Angst vor 
seinem Zorn, ein dumpfes Gefühl von Ungerechtigkeit und vielleicht eine 
gewisse Scham bei einem wirklich schlimmen Ausbruch des Vaters. Bald 
ist die typische Vatereinstellung fertig, voll von gegensätzlichen Affekten, 
eine Mischung von Ehrfurcht, Verachtung, Liebe und Abneigung, Zärtlich- 
keit und Furcht. In dieser Periode der Kindheit macht sich der soziale 
Einfluß, der den patriarchalen Einrichtungen entstammt, in der Haltung 
des Kindes gegenüber seinem Vater fühlbar. Die Rivalitäten zwischen Nach- 
folger und Vorgänger und die gegenseitigen Eifersüchteleien, die in dem 
früheren Abschnitt beschrieben wurden, nehmen bei dem Knaben und 
seinem Vater bestimmtere Form an und lassen die negativen Elemente des 
Verhältnisses zwischen Vater und Sohn schärfer hervortreten, als zwischen 
Vater und Tochter. 

Bei den unteren Klassen vollzieht sich der Prozeß der Idealisierung des 
Vaters auf rohere Weise, hat aber keine geringere Bedeutung: Wie ich 
schon erwähnt habe, benimmt sich in einem typischen Bauernhaushalt der 
Vater offen als Tyrann. Die Mutter fügt sich seiner Gewalt und veran- 
laßt ihre Kinder zu derselben Haltung, so daß sie die Strenge und brutale 
Kraft, die sie in ihrem Vater verkörpert sehen, verehren und gleichzeitig 
fürchten. Auch hier bildet sich also ein ambivalentes Gefühl mit einer 
ausgesprochenen Vorliebe des Vaters für seine Töchter. 

Welches ist die Rolle des Vaters in Melanesien? In dieser Periode ist 
darüber wenig zu sagen. Er bleibt wie früher ein Freund der Kinder, der 
ihnen hilft und sie lehrt, was ihnen zusagt und soweit es ihnen zusagt. Aller- 
dings nimmt das Interesse der Kinder für ihn zu dieser Zeit ab und sie bevor- 
zugen im allgemeinen ihre kleinen Kameraden. Aber immer ist doch hier 
der Vater der hilfreiche Ratgeber, halb Spielgefährte, halb Beschützer. 

Dennoch tritt in das Leben des kleinen Knaben oder Mädchens um 
diese Zeit das Prinzip der Stammesvorschriften und Autorität, der Unter- 
werfung unter einen Zwang und unter das Verbot gewisser wünschens- 
werter Dinge. Aber diese Vorschriften und dieser Zwang werden durch 
eine ganz andere Person als durch den Vater verkörpert, nämlich durch 
den Bruder der Mutter, das männliche Familienoberhaupt der matriar- 



—» 



chalen Gesellschaft. Er ist es, der die potestas tatsächlich ausübt und aus- 
giebigen Gebrauch davon macht. 

Seine Autorität, obwohl sie der des Vaters bei uns nahverwandt ist, fällt 
doch nicht ganz mit ihr zusammen. Vor allem tritt sein Einfluß auf das 
Leben des Kindes viel später ein als der eines Vaters in Europa und auch 
dann hat er niemals Zugang in die enge Familiengemeinschaft, lebt in 
einer anderen Hütte, ja oft in einem andern Dorf. Da in der Ehe für die 
Bewohner von Trobriand der Wohnsitz des Vaters Geltung hat, so haben 
seine Schwestern und deren Kinder ihr Heim in dem Dorf des Gatten und 
Vaters. Infolgedessen wird die Macht des Oheims aus der Ferne ausgeübt 
und kann in jenen kleinen Angelegenheiten, in denen man besonders emp- 
findlich ist, nicht gewaltsam wirken. Er bringt in das Leben des Kindes, 
sei es Knabe oder Mädchen, zweierlei neue Elemente. Erstens Pflicht, 
Verbot und Zwang; zweitens, vor allem in das Leben des Knaben, Ehrgeiz, 
Stolz und soziale Wertungen, d. h. die Hälfte dessen, was für den Be- 
wohner von Trobriand das Leben erst lebenswert macht. Der Zwang findet 
insofern Eingang, als der Onkel beginnt, die Beschäftigung des Knaben 
zu lenken, gewisse Dienste von ihm zu verlangen und ihn einige der 
Stammesvorschriften und Verbote zu lehren. Viele von diesen wurden dem 
Knaben schon von den Eltern eingeprägt, aber immer wurde auf den 
Kada gewiesen, als auf die wirkliche Autorität über all diesen Begeln. 

Ein sechsjähriger Knabe wird von dem Bruder seiner Mutter dazu an- 
gehalten werden, an einem Streifzug teilzunehmen, gewisse Gartenarbeiten 
zu verrichten oder bei der Einbringung der Ernte zu helfen. Da er diese 
Tätigkeiten in dem Dorf seines Onkels und zusammen mit anderen Mit- 
gliedern seines Clans ausübt, so lernt der Knabe, daß er zu dem „Butura" 
(Ruhm) seines Clans beiträgt; er beginnt zu fühlen, daß dies sein Dorf 
und sein Volk ist, die Traditionen, Mythen und Legenden seines Clans 
kennen zu lernen. Das Kind arbeitet in dieser Periode auch häufig mit 
seinem Vater und es ist ganz interessant, den Unterschied in der Haltung 
gegenüber diesen beiden Erwachsenen festzustellen. Der*_ Vater bleibt weiter- 
hin sein Vertrauter; es macht ihm Freude, mit ihm zu arbeiten, ihm bei- 
zustehen, und von ihm zu lernen; aber es wird ihm immer klarer und 
klarer, daß solch eine gemeinsame Arbeit nur auf seinem guten Willen 
und nicht auf einem Recht beruht und das dabei empfundene Vergnügen 
seine eigene Belohnung sein muß, während der Ruhm einem fremden 
Clan zugute kommt. Auch sieht das Kind, wie seine Mutter Befehle 
von ihrem Bruder empfängt, Wohltaten von ihm annimmt, ihn mit der 



1 



Mutter-rechtliche Familie und Ödipus-Komplex 



35 



größten Ehrfurcht behandelt und sich vor ihm bückt wie ein Gemeiner vor 
seinem Häuptling. Der Knabe beginnt allmählich zu verstehen, daß er der 
Nachfolger seines Onkels ist und daß auch er Herr über seine Schwestern 
sein wird, von denen er zu dieser' Zeit schon durch ein soziales Tabu ge- 
trennt ist, das jede Intimität verbietet. 

Der mütterliche Onkel wird, wie der Vater bei uns, dem Knaben als 
Ideal hingestellt, als die Person, deren Beifall er sich erringen, die er sich 
als Vorbild nehmen und der er in der Zukunft gleichen muß. So sehen 
wir, daß die meisten, wenn auch nicht alle Elemente, die die Rolle des 
Vaters in unserer Gesellschaft so schwierig machen, bei den Melanesiern 
in dem Bruder der Mutter verkörpert sind. Er hat die Macht, er wird 
idealisiert, ihm sind Mutter und Kinder unterworfen, während der Vater 
frei von all diesen gehässigen Vorrechten und Merkmalen ist. Aber dafür 
bereichert der Bruder der Mutter das Kind durch gewisse neue Begriffe, 
welche das Leben weiter, interessanter und verheißungsvoller machen: 
sozialer Ehrgeiz, Ruhm, Gefühl für seine Abstammung und seinen Stamm, 
Hoffnung auf künftigen Reichtum, und soziale Stellung. 

Man muß sich vor Augen halten, daß zur selben Zeit, in der das 
Kind bei uns in Europa daran geht, seinen Weg in unseren verwickelten 
sozialen Verhältnissen zu finden, auch das melanesische Kind das Prinzip 
der mutterrechtlichen Verwandtschaft zu erfassen beginnt, welches die 
wichtigste Grundlage der sozialen Gliederung darstellt. Dieses Prinzip durch- 
schneidet die enge Gemeinschaft des Familienlebens und baut für das Kind 
nochmals die soziale Welt um, die bis jetzt aus den vielumfassenden Kreisen 
der engeren und weiteren Familie, der Nachbarn und Dorfgemeinschaft 
bestand. Das Kind lernt nun, daß es über und innerhalb dieser Gruppen 
zwei Hauptkategorien zu unterscheiden hat. Die eine besteht aus seinen 
wirklichen Verwandten, seinen veyola. Zu diesen gehören in erster Linie 
seine Mutter, seine Brüder und Schwestern, sein Onkel mütterlicherseits 
und deren ganze Sippe. Diese Leute sind aus demselben Stoff, „demselben 
Leib" wie er. Den Männern hat er zu folgen, mit ihnen zu arbeiten und 
ihnen bei ihrer Beschäftigung, im Krieg und bei persönlichen Streitig- 
keiten beizustehen. Die Frauen seiner Sippe sind in sexueller Hinsicht 
strengstes Tabu für ihn. Die zweite soziale Kategorie besteht aus den Fremden 
oder tomakawa (Außenseitern). Mit diesem Namen werden alle diejenigen 
bezeichnet, die nicht durch matrilineare Bande mit ihm verknüpft sind, 
die nicht zu derselben Sippe gehören. Aber diese Gruppe enthält auch den 
Vater und dessen männliche und weibliche Verwandte und die Frauen, die 




er heiraten oder zu denen er Liebesbeziehungen unterhalten wird. Nun 
stehen ja diese Menschen, vor allem der Vater, in sehr engen persönlichen 
Beziehungen zu ihm, die aber von dem Recht und dem Moralkodex über- 
haupt nicht berücksichtigt werden. So haben wir auf der einen Seite Be- 
wußtsein der Wesensgleichheit und Verwandtschaft verbunden mit sozialem 
Ehrgeiz und Stolz, aber auch mit Zwang und sexuellen Verboten ; auf der 
andern Seite in dem Verhältnis zum Vater und dessen Verwandten unein- 
geschränkte Freundschaft, natürliches Gefühl ebensowohl wie sexuelle Frei- 
heit, aber keine persönliche Wesensgleichheit oder von der Überlieferung 
anerkannte Bindungen. 






VII 

Die Sexualität des späteren Kindesalters 

Wir gehen nun über zu dem Problem des Sexuallebens in der dritten 
Periode, der späteren Kindheit, wie wir sie nennen wollen, die den Zeit- 
raum des freien Spiels und der freien Bewegung umfaßt und vom sechsten 
oder siebenten Jahre bis zur Pubertät dauert. Ich habe, als die Rede von 
der früheren Periode der Kindheit war, die Erörterung der Sexualität von 
der der sozialen Einflüsse getrennt, und ich will dasselbe hier tun, um 
auf diese Weise deutlicher hervorzuheben, was Veranlagung und was Ge- 
sellschaft für Wirkungen ausüben. 

Im modernen Europa setzt nach Freud in diesem Alter einsehr merk- 
würdiges Phänomen ein: die Verdrängung der Sexualität, eine Latenz- 
periode, eine Lücke in der Entwicklung der sexuellen Funktionen und 
Triebe. Was die Latenzperiode in dem Freudschen Neurosenschema be- 
sonders auszeichnet, ist die mit ihr verknüpfte Amnesie, der Vorhang gänz- 
lichen Vergessens, der in dieser Periode herabsinkt und die Erinnerungen 
an die infantile Sexualität auslöscht. Merkwürdigerweise ist diese inter- 
essante und wichtige Behauptung Freuds von anderen Forschern nicht 
gestützt worden, so hat z. B. Moll in seiner Abhandlung über infantile 
Sexualität (ein sehr vollständiger und verläßlicher Beitrag) 1 nirgends eine 
Lücke in der Sexualentwicklung erwähnt. Im Gegenteil, seine Darstellung 
läßt auf ein ständiges und schrittweises Anwachsen der Sexualität des Kindes 
schließen, so daß die Kurve ununterbrochen, ohne irgend eine Knickung 
ansteigt. Es ist bemerkenswert zu sehen, daß Freud selbst bisweilen zu 
schwanken scheint, daß von allen Perioden der Kindheit dieser einzigen 
kein eigenes deutliches Kapitel gewidmet ist und daß er an ein oder zwei 
Stellen sogar seine Behauptung übe r ihre Existenz zurückzieht." Doch kann 

ll A. Moll, Das Sexualleben des Kindes, 1908. 

») Die Latenzperiode wird häufig erwähnt; so z. B. Drei Abhandlungen zur 
Sexualtheorie, 5. Aufl. S. 40, 44, 64 (Ges. Schriften, Bd. V, S. 49, 55, 74) und Vorlesungen 

3* 






36 



Di;. Bronislaw Malinowski 



ich auf Grund eines ziemlich ausgedehnten und gut durchgesiebten Mate- 
rials persönlicher Erfahrung unter wohlerzogenen Schuljungen behaupten, 
daß die Latenzperiode ausnahmslos etwa im sechsten Jahre einsetzt und 
zwei bis vier Jahre dauert. Während dieser Zeit nimmt das Interesse an 
„Unanständigkeiten' ab, die schmutzigen und doch verführerischen Farben, 
die sie hatten, verblassen, sie werden zurückgedrängt und vergessen, während 
neue Dinge auftauchen und das Interesse und die Energie beschäftigen. 

Wie haben wir uns die Divergenz in Freuds eigenen Ansichten und 
das Übersehen der Tatsachen durch andere Sexualforscher zu erklären? 

Es ist klar, daß wir es hier mit einer Erscheinung zu tun haben, die 
nicht tief in der organischen Natur des Menschen wurzelt, sondern größten- 
teils, wenn nicht vollständig, durch soziale Faktoren bedingt ist. Wenn 
wir die verschiedenen Gesellschaftsschichten einer vergleichenden Betrach- 
tung unterziehen, so erkennen wir ohne Schwierigkeit, daß in den unteren 
Klassen, besonders bei den Bauern, die Latenzperiode viel weniger scharf 
ausgeprägt ist. Um die Dinge klar betrachten zu können, wollen wir einen 
Blick auf die frühere Periode infantiler prägenitaler Sexualität werfen und 
die Verbindnng zwischen den beiden Perioden su'chen. Wir haben im 
Kapitel V festgestellt, daß sich in den unteren, ebenso wohl wie in den 
oberen Klassen in einem frühen Alter ein lebhaftes Interesse für das „Un- 
anständige" zeigt. Doch erscheint es bei Bauernkindern etwas später und 
sein Charakter ist ein wenig anders. Wir wollen nun noch einmal die 
Quellen der Analerotik, wie Freud sie nennt, bei den Kindern der unteren 
und höheren Stände vergleichen. In der Kinderstube des Säuglings der gut- 
bürgerlichen Klasse wird das Interesse für die natürlichen Funktionen, vor 
allem für die Exkretion, zuerst ermutigt und dann plötzlich zurückgedrängt. 
Die Pflegerin oder Mutter, die bis zu einem bestimmten Moment das Kind 
zur Durchführung aufzumuntern sucht, die prompte Ausführung lobt und 
die Besultate zeigt, entdeckt in einem bestimmten Augenblick, daß das 
Kind zu viel Interesse daran nimmt und sich in einer Weise zu benehmen 
beginnt, die den Erwachsenen unappetitlich erscheint, obwohl sie für das 
Kind durchaus natürlich ist. Da nun schreitet die Kinderstubenautorität 
ein, tadelt das Verhalten des Kindes, stellt es als etwas Unerlaubtes hin 



zur Einführung in die Psychoanalyse. Gr. Ausg. S. 574 (Ges. Schriften, Bd. VII, 
S. 537 f.). Aber es findet sich in keinem dieser Bücher eine spezielle Behandlung des 
Themas. Dann wieder lesen wir: „Die Latenzzeit kann auch entfallen, sie braucht 
keine Unterbrechung der Sexualbetätigung und der Sexualinteressen auf der ganzen 
Linie mit sich zu bringen." (Vorlesungen a. a. O.) 



Mutterrechtliche Familie und Ödipus-Komplex 37 



idd das Interesse wird gewaltsam unterdrückt. Das Kind wächst heran, 
Heimlichkeiten, Andeutungen und Heuchelei beginnen die natürlichen 
Funktionen mit einem Schein heimlicher Herrlichkeit, mysteriöser Anzie- 
hungskraft zu umgehen. Diejenigen, die sich aus ihrer eigenen Kmdheit 
daran erinnern, wie deutlich eine solche Atmosphäre von geheimen Winken 
und Andeutungen empfunden wird und wie gut ihr Sinn von dem Kind 
verstanden wird, werden erkennen, daß die Kategorie des „Unanständigen 
von den Erwachsenen geschaffen wird. Ja noch mehr, aus Beobachtungen 
an Kindern, ebensowohl wie aus eigenen Erinnerungen kann man leicht fest- 
stellen, wie schnell die Kinder dieses heuchlerische Verhalten der Erwach- 
senen annehmen und selbst kleine Moralisten, Snobs und Heuchler werden. 
Unter den Bauern sind die Verhältnisse ganz anders. Die Kinder werden 
schon in einem frühen Alter mit sexuellen Angelegenheiten bekannt ge- 
macht Es ist nicht zu vermeiden, daß sie Zeuge des Sexualaktes ihrer 
Eltern und anderer Verwandter werden; sie hören Streitigkeiten mit an, 
in denen eine ganze Liste von obszönen Worten und sexualtechnischen 
Ausdrücken vorgebracht wird. Sie haben sich mit den Haustieren zu be- 
schäftigen, deren Fortpflanzung in allen Einzelheiten eine höchst wichtige 
Angelegenheit für den ganzen Haushalt ist, die freimütig und genau er- 
örtert wird. Da sie so tief in natürlichen Dingen drinstecken, haben sie 
weniger Veranlassung sich dadurch zu unterhalten, daß sie sich heimlich 
mit dem beschäftigen, was sie so häufig tun und woran sie sich ganz 
öffentlich erfreuen können. Die Kinder der Arbeiterklasse stehen vielleicht 
in der Mitte zwischen diesen beiden Extremen. Sie stehen kaum m Kontakt 
mit den Tieren, erhalten aber anderseits eine noch ausgiebigere Schlaf- 
zimmerunterweisung und Bordellbelehrung. 

Was ist nun die Folge dieser wesentlichen Unterschiede zwischen den 
wohlsituierten und den Proletarierkindern? Vor allem ist die „Unanständig- 
keit", die bei den Kindern der Bourgoisie durch die Zurückdrängung der 
natürlichen Neugierde genährt wird, bei den unteren Klassen viel weniger 
ausgeprägt und tritt erst später hervor, wenn das Unanständige schon mit 
der Vorstellung der genitalen Sexualität verknüpft wird. In den höheren 
Klassen aber setzt, sobald das Interesse für Unanständigkeiten sich m sich 
selbst erschöpft hat und bei dem Verlassen der Kinderstube neue Lebens- 
interessen auftauchen, die Latenzperiode ein, und diese neuen Interessen 
nehmen das Kind ganz in Anspruch, während der Mangel an tatsächlichen 
Kenntnissen, der unter den Kindern der Gebildeten so gewöhnlich ist, das 
Eintreten des genitalen Interesses in so früher Zeit verhindert. 



38 



Dr. Bronislaw Malinowski 



1 



In den unteren Klassen aber ist sowohl diese Kenntnis als auch das 
Interesse für genitale Angelegenheiten vorhanden und die beiden zusammen 
bewirken eine Kontinuität, eine stetige Entwicklung von der frühen Periode 
zu der vollen sexuellen Reife. 

Die Art der sozialen Einflüsse vereinigt sich mit diesen Tatsachen, um 
im Leben eines wohlsituierten Kindes einen viel größeren Bruch der Kon- 
tinuität hervorzurufen. Während sein ganzes Leben bis zum Alter von 
sechs Jahren dem Vergnügen gewidmet war, muß es jetzt plötzlich lernen 
und Schulaufgaben machen. Das Bauernkind hatte schon früher bei der 
Bereitung von Speisen oder bei Beaufsichtigung der jüngeren Kinder oder 
beim Hüten der Gänse und Schafe helfen müssen. Es ist daher um diese 
Zeit in der Kontinuität seiner Lebensweise kein Bruch eingetreten. 

So erwacht also bei dem Bauern- und Proletarierkind das frühe kind- 
liche Interesse an dem „Unanständigen" zeitlicher und in einer anderen 
Form, es ist nicht so geheim und weniger mit Schuld verknüpft, daher 
weniger „unmoralisch", weniger analerotisch und in näherer Verbindung 
mit dem eigentlichen Geschlechtsleben. Es geht leichter und ohne Unter- 
brechung in frühe sexuelle Betätigung über und die Latenzperiode fehlt 
entweder ganz oder ist jedenfalls lange nicht so scharf ausgeprägt. Daher 
kommt es, daß die Psychoanalyse, die sich mit den Neurotikern der Bour- 
geoisie beschäftigt, zu der Entdeckung dieser Periode geführt hat, während 
die allgemein medizinischen Beobachtungen Mo 11s u. a. sie nicht aufge- 
funden haben. 

Sollte aber noch jemand an der Tatsache dieses Unterschiedes zwischen 
den Klassen und an seiner Ursache zweifeln, so müßte dieser Zweifel ver- 
schwinden, wenn wir uns den Melanesiern zuwenden. Die Tatsachen sind 
hier jedenfalls verschieden von jenen, die wir in unseren gebildeten Ständen 
gefunden haben. Wie wir in Kapitel V sahen, fehlt es an den frühen 
sexuellen Unanständigkeiten, heimlichen Spielen und Interessen. Wir können 
tatsächlich sagen, daß für diese Kinder die Gegensätze anständig — unan- 
ständig, rein — unrein nicht existieren. Dieselben Ursachen, welche diese 
Unterscheidung bei unseren Bauern weniger scharf und weniger wichtig 
erscheinen lassen, als für unsere bürgerliche Klasse, wirken unter den 
Melanesiern noch stärker und offener. In Melanesien gibt es für die Sexu- 
alität im allgemeinen kein Tabu, keine Verschleierung der natürlichen Funk- 
tionen, jedenfalls nicht bei einem Kinde. Wenn wir bedenken, daß die 
Kinder nackt umherlaufen, daß ihre Entleerungsfunktionen ganz offen und 
als etwas natürliches behandelt werden, daß es kein allgemeines Tabu für 



■— Murterrechtliche FamÜie und Odipus-Romplex 



39 



„ewisse Körperteile oder für Nacktheit überhaupt gibt; wenn wir ferner 
fedenken, Iß kleine Kinder von drei oder vier ^"^^ 
die Existenz von so etwas wie Genitalsexualität zu bemerken und daß dies 
eben so früh wie andere kindliche Spiele zu ihrem Vergnügen beitragen 
wird dann erkennen wir, daß viel eher soziale als biologische Faktoren 
den Unterschied zwischen den beiden Kulturtypen erklaren 

Die Periode, die ich jetzt bei den Melanesien! beschreiben will, jene 
nämlich, die unserer Latenzperiode entspricht, ist das Stadium der infan- 
til Unabhängigkeit, wo kleine Knaben und Mädchen miteinander in 
eil" Art von Jugendrepublik spielen. Nun besteht eines der wichtigsten 
nTrestn dieser Kinde/in Zeitvertreib sexueller Natur. Sehr früh Wen 
die Kinder einer vom anderen oder bisweilen von einem nur wenig alteren 
G fürten in die geschlechtliche Betätigung eingeweiht. Natürlich sind sie 
fn dtem Alter nicht imstande, den Geschlechtsakt wirklich ausfuhren 
sondern sie begnügen sich mit allen möglichen Arten von Spielen, in 
denen ihnen von ihren Eltern volle Freiheit gelassen wird; so können sie 
ihre Neugierde und ihre Sinnlichkeit direkt und ohne Heimlichkeiten be- 

^Ln kein Zweifel daran sein, daß das dominierende Interesse bei 
solchen Spielen „genital" ist, wie Freud es Rennen würde, daß « ^ 
teils bestimmt werden durch den Wunsch, die Betätigungen und Interessen 
der älteren Kinder und der Erwachsenen nachzuahmen ; diese Periode feh 
vollständig im Leben der Kinder höherer Klassen in Europa und finde 
sich nur bis zu einem gewissen Ausmaß unter den Bauern und Prole 
tarLn Wenn die Eingeborenen von den Spielen der Kinder sprechen so 
bezeichnen sie sie häufig als „Kopulationsspiel" (mrvay gua kayta) oder 
man sagt auch, daß sie „Ehe" spielen. 

Man muß sich nun nicht vorstellen, daß alle Spiele sexueller Natur- 
sind. Manche eignen sich gar nicht dazu, aber es gibt bei den kleinen 
Kindern gewisse besondere Spiele, in denen das Sexuelle eine überragende Bolle 
hat Die melanesischen Kinder spielen mit Vorliebe „Mann und Frau . 
Ein Knabe und ein Mädchen bauen sich ein kleines Versteck und nennen 
es ihr Heim. Sie geben nun vor, hier die Tätigkeiten von Mann und Frau 
auszuüben und unter diesen sind natürlich die wichtigsten solche von 
sexueller Art. Ein anderesmal wieder wird eine Gruppe von Kindern ein 
Ausflug veranstalten, bei dem die Unterhaltung in Essen Baufen und 
LiebkoLgen besteht. Oder sie mimen einen, der für die Sudsee typischen 
zeremoniellen Gabentausche und enden mit sexueller Betätigung. Nicht 






rohe, sinnliche Vergnügungen allein scheinen sie zufrieden zu stellen; in 
solchen verfeinerten Spielen muß eine Mischung mit gewissen romantischen 
Anreizen für die Phantasie vorhanden sein. 

Ein sehr wichtiger Punkt bei dieser infantilen Sexualität ist das Ver- 
halten der älteren Generation ihr gegenüber. Wie gesagt, sehen die Eltern 
sie keineswegs als etwas Tadelnswertes an. Im allgemeinen nehmen sie sie 
durchaus als gegeben hin. Höchstens werden sie scherzend miteinander 
darüber sprechen und die Liebestragödien und Komödien der kindlichen 
Welt erörtern. Niemals wird es ihnen einfallen, sich einzumengen oder 
ihr Mißfallen zu äußern, vorausgesetzt, daß die Kinder den gebührenden 
Takt zeigen, d. h. daß sie ihre Liebesspiele nicht daheim ausführen, son- 
dern irgendwohin in den Wald gehen. 

Aber vor allem anderen werden die Kinder in ihren Liebesangelegen- 
heiten gänzlich sich selbst überlassen. Nicht nur, daß keinerlei elterliche 
Einmischung stattfindet, es kommt auch selten, wenn überhaupt, vor, daß 
ein Mann oder eine Frau ein perverses Sexualinteresse an den Kindern 
nimmt, und sicherlich wird man sie niemals dabei ertappen, daß sie sich 
in dieser Rolle in ihre Spiele mischen. Vergewaltigung von Kindern ist 
unbekannt und die Person, die sich sexuell mit einem Kinde betätigte, 
würde als lächerlich und widerwärtig angesehen werden. 

Als ein besonders wichtiger Zug in den sexuellen Beziehungen der 
Kinder ist das schon erwähnte Tabu anzusehen, das zwischen Bruder und 
Schwester besteht. Schon im frühen Alter, d. h. wenn das Mädchen zum 
erstenmal ihr Grasröckchen anlegt, werden Brüder und Schwestern derselben 
Mutter voneinander getrennt, in Befolgung des strengen Tabus, das jede 
intime Beziehung zwischen ihnen verbietet. Ja sogar schon früher, wenn 
sie sich selbständig bewegen und gehen können, spielen sie in verschiedenen 
Gruppen. Späterhin kommen sie in Gesellschaft zusammen und niemals 
darf der leiseste Verdacht entstehen, daß einer von ihnen an den Liebes- 
angelegenheiten des anderen irgend ein Interesse nimmt. Obwohl zwischen 
den Kindern relative Freiheit in Beschäftigung und Sprache besteht, so 
würde auch ein ganz kleiner Junge niemals mit seinen Schwestern zu- 
sammen irgend eine sexuelle Betätigung ausüben, noch weniger in ihrer 
Gegenwart eine Anspielung oder einen Scherz dieser Art machen. Das setzt 
sich unverändert durch das ganze Leben fort und es gilt als schlimmster 
Taktfehler, einem Bruder gegenüber von den Liebesangelegenheiten seiner 
Schwester zu sprechen oder umgekehrt. Die Auferlegung dieses Tabus führt 
zu einem frühzeitigen Bruch des Familienlebens, da Knaben und Mädchen, 



Mutterrechtliche Familie und Ödipus-Komplex 



41 



um einander auszuweichen, das elterliche Heim verlassen und anderswo 

hingehen müssen. 

Aus alldem können wir den großen Unterschied erkennen, der in dieser 
Periode der späteren Kindheit zwischen der jugendlichen Sexualität bei 
uns und in der melanesischen Gesellschaftsform besteht. Während bei uns 
in den gebildeten Ständen um diese Zeit eine Unterbrechung der Sexualität 
und eine mit Amnesie verbundene Latenzperiode eintritt, führt dort das 
außerordentlich früh beginnende genitale Interesse zu einer Art der Sexu- 
alität, die bei uns gänzlich unbekannt ist. Von dieser Zeit an entwickelt 
sich die Sexualität der Melanesier ohne Unterbrechung, wenn auch all- 
mählich bis zur Reife. Unter der Bedingung, daß ein einziges Tabu auf 
das strengste und vollkommenste beachtet wird, läßt die Gesellschaft der 
jugendlichen Sexualität vollkommen freies Spiel. 






VIII 

Pubertät 

In einem Alter, das nach Klima und Rasse variiert und sich vom neunten zum 
fünfzehnten Jahr erstreckt, gelangt das Kind in das Alter der Pubertät. Pubertät 
ist natürlich kein Moment und kein abgegrenzter Punkt, sondern ein mehr 
oder weniger ausgedehnter Zeitabschnitt in der Entwicklung, innerhalb 
dessen der Sexualapparat, das ganze System der inneren Sekretion, und der 
Organismus überhaupt einer durchgreifenden Veränderung unterliegt. Wir 
können die Pubertät nicht als eine conditio sine qua non für das sexuelle 
Interesse oder auch nur für die sexuelle Betätigung ansehen, da auch vor 
der Reife Mädchen den Geschlechtsverkehr ausüben können und bei Knaben 
Erektionen und die immissio penis vorkommen. Aber zweifellos muß die 
Zeit der Pubertät als die wichtigste Grenzscheide in der Geschichte der 
Sexualität des Individuums angesehen werden. 

Ja noch mehr, in diesem Alter steht die Sexualität in so enger Ver- 
bindung mit den anderen Seiten des Lebens, daß wir in diesem Kapitel 
die sexuellen und sozialen Faktoren zusammen behandeln und nicht wie 
bei den beiden früheren Perioden trennen wollen. Bei einem Vergleich 
der Gesellschaftsform der Trobriands von Melanesien mit unserer eigenen 
finden wir die wichtige Tatsache, daß diese Wilden beim Eintritt in die 
Pubertät keine Initiationsriten haben; während dies einerseits einen Punkt 
von höchster Bedeutung aus unserer Diskussion ausscheiden läßt, erlaubt 
es uns anderseits den Vergleich zwischen patrilinearer und matrilinearer 
Gesellschaftsform deutlicher und schärfer herauszuarbeiten, da bei den 
meisten anderen Wilden die Initiationszeremonien das Wesen dieser Periode 
ganz verdecken oder verändern. 

In unserer eigenen Gesellschaft müssen wir den Knaben und das Mäd- 
chen gesondert behandeln, denn zu - dieser Zeit tritt eine vollkommene 
Scheidung der beiden in sexuellen Angelegenheiten ein. Im Leben eines 



Mutterrechtliche Familie und Ödipus-Komplex 43 



Mannes bedeutet die Pubertät die Erreichung der vollen geistigen Kräfte, 
ebensowohl wie körperliche Reife und endgültige Formung des Sexual- 
charakters. Mit dieser neuen Männlichkeit ändert sich seine ganze Bezie- 
hung zum Leben überhaupt, ebenso von Grund auf, wie seine Stellung zu 
sexuellen Angelegenheiten und die Rolle in seiner Familie. Beginnen wir 
mit diesem letzten Punkt: Hier können wir eine außerordentlich inter- 
essante Erscheinung beobachten, die sein Verhalten gegenüber Mutter, 
Schwester oder anderen weiblichen Verwandten im stärksten Grad beein- 
flußt Der typische heranwachsende Junge unserer zivilisierten Gemeinschaft 
beginnt zur Zeit der Pubertät die höchste Verlegenheit gegenüber seiner 
Mutter zu zeigen, äußert gegenüber seinen Schwestern Verachtung und 
eine gewisse Brutalität und schämt sich gegenüber seinen Kameraden aller 
seiner weiblichen Verwandten. Wer von uns erinnert sich nicht des un- 
beschreiblichen Schamgefühles, wenn wir vergnügt mit unseren Schul- 
kameraden spazierengingen und plötzlich die Mutter, Tante, Schwester 
oder auch nur Kusine trafen und sie grüßen mußten? Es war ein 
Gefühl tiefster Schuld, wie wenn man in flagranti ertappt wird. Manche 
Knaben versuchen, diese Begegnung, die sie so in Verlegenheit setzt 
einfach zu ignorieren, andere, die tapferer sind, werden feuerrot und 
grüßen - aber jeder weiß, daß es einen Schatten für seine soziale 
Stellung bedeutet, einen Schimpf für seine Männlichkeit und Unabhängig- 
keit Ohne in die psychologische Erforschung dieses Phänomens einzu- 
gehen können wir doch sehen, daß die Scham und Verwirrung, die man 
hier fühlt, derselben Art ist, wie die bei irgend einem Verstoß gegen die 

guten Sitten. 

Diese neu erworbene Männlichkeit beeinflußt entscheidend die Stellung 
des Knaben gegenüber der Welt, seine ganze Weltanschauung. Er beginnt, 
seine eigenen unabhängigen Meinungen zu haben, seine eigene Persönlich- 
keit und eigene Ehre und seine Stellung gegenüber Autorität und intellek- 
tueller Führung zu behaupten. Auch die Beziehungen zwischen Vater und 
Sohn treten in ein neues Stadium, es erfolgt eine neue Abrechnung, eine 
neue Prüfung des Vaterideals. Es stürzt an diesem Wendepunkt in sich 
zusammen, wenn der Vater als ein Dummkopf erkannt wird, als „Philister 
oder Heuchler oder Narr. Dann ist er gewöhnlich erledigt auf Lebenszeit 
und verliert jedenfalls die Aussicht, irgendwelchen tatsächlichen Eihfluß 
auf den Knaben auszuüben, selbst wenn die beiden im späteren Leben 
sich einander wieder nähern sollten. Wenn aber anderseits der Vater die 
außerordentlich strenge Prüfung dieses Zeitabschnittes besteht, so hat er 






die beste Aussicht, für immer das Ideal zu bleiben. Natürlich ereignet sich 
auf der Gegenseite etwas Entsprechendes, nämlich auch der Vater unter- 
wirft um diese Zeit seinen Sohn einer ebenso strengen Kritik und prüft 
ihn scharf, ob er das Ideal erreichen wird, das er sich von seinem künf- 
tigen Nachfolger gemacht hat. 

Die neue Einstellung gegenüber dem Geschlechtsleben, der neue innere 
Kristallisationsprozeß während der Pubertät beeinflußt nicht nur das Ver- 
halten des Knaben gegenüber dem Vater, sondern gegenüber den beiden 
Eltern gemeinsam. Der gut erzogene Knabe wird sich erst jetzt ganz klar über 
die biologische Natur des Bandes zwischen ihm und seinen Eltern. Wenn 
er seine Mutter, wie es gewöhnlich der Fall ist, innig liebt und verehrt 
und wenn er seinen Vater weiterhin als Ideal ansehen kann, so kann er 
sich mit der Vorstellung, daß er das körperliche Resultat des Sexualver- 
kehrs seiner Eltern ist, abfinden, wenn sie auch anfänglich einen Riß in 
seiner geistigen Welt bedeutet. Wenn er aber seinen Vater verachtet und 
haßt, mag dies auch wie so häufig unterbewußt geschehen, so bedeutet 
diese Vorstellung für ihn eine dauernde Befleckung seiner Mutter, eine 
Beschmutzung der ihm teuersten Dinge. 

Die neue Männlichkeit des Knaben beeinflußt vor allem sein sexuelles 
Leben. Geistig ist er reif zur Erkenntnis, physisch reif dazu, sie im Leben 
anzuwenden. Für gewöhlich erhält er seine ersten sexuellen Unterweisungen 
um diese Zeit und beginnt mit geschlechtlicher Betätigung in irgend einer 
Form, häufig wohl nicht in der gewöhnlichen regulären, sondern mit 
Masturbation oder wenigstens nächtlichen Pollutionen. Diese Periode be- 
deutet in vieler Hinsicht einen Scheideweg für den Knaben. Entweder der 
neu erwachte Geschlechtstrieb in Verbindung mit einem starken Tempe- 
rament und leichten Grundsätzen füllt ihn vollständig aus und treibt 
ihn geradewegs und für immer in eine Flut alles beherrschender Sinn- 
lichkeit; oder es sind andere Interessen und seine Moral stark genug, um 
das ganz oder teilweise abzuwehren. So lange er sich ein Keuschheitsideal 
bewahrt und fähig ist, dafür zu kämpfen, ist eine Kraft da, um ihn mit 
Hilfe seiner besseren Triebe auf ein höheres Niveau zu heben. Dabei sind 
natürlich die Versuchungen in hohem Grade abhängig von der sozialen 
Stellung und der Lebensweise des Knaben. Die rassenbedingten Eigenheiten 
einer Gemeinschaft, ihr Moralkodex und ihre kulturellen Werte bewirken 
große Differenzen innerhalb der europäischen Zivilisation. In manchen Teilen 
mancher Nationen erliegt der Knabe gewöhnlich den zersetzenden Kräften 
einer leichtfertig befriedigten Sexualität; in andern wieder hat er bessere Aus- 



IL 



Mutterrechtliche Familie und Ödipus-Romplex 



45 






sichten. Wieder in andern befreit ihn die Gesellschaft von einen großen 
Teil der Verantwortung durch ihre strengen Moralvor Schriften. 

In seinen Beziehungen zu Personen des andern Geschlechts zeigt sich zuerst 
eine Erscheinung parallel seinem Verhalten gegenüber, Mutter und Schwester: 
ne gewisse Verlegenheit, eine Polarität von Anziehung und Abstoßung. 
Das Weib, das, wie er fühlt, einen tiefen Einfluß auf ihn ausüben _£«. 
erfüllt ihn mit Schrecken und Mißtrauen. Er spurt in ihr eine Gefahr für 
seine erwachende Männlichkeit und Unabhängigkert. 

Um diese Zeit bewirkt auch die neue Vereinigung von Zärtlichkeit mit 
Sinnlichkeit, die sich gegen Ende der Pubertät einstellt, eine Vermischung 
der aus der Kindheit stammenden Erinnerungen an die mutterliche Zärt- 
lichkeit mit den neuen Elementen der Sexualität. Einbildungskraft und vor 
allem Traumbilder rufen ein furchtbares Durcheinander hervor und spielen 
dem Gemüt des Knaben sonderbare Streiche. 

All dies bezieht sich vor allem auf den Knaben der besseren Burger- 
klasse Vergleichen wir damit den jungen Bauern oder Proletarier so finden 
wir im wesentlichen die gleichen Züge, nur sind vielleicht die individuellen 
Variationen geringer und das Bild im allgemeinen nüchterner. 

So findet sich auch dort eine Periode der Roheit gegenüber der Mutter 
und Schwester, die vor allem bei dem jungen Bauern bemerkenswert ist_ 
Der Riß zwischen ihm und seinem Vater erweitert sich gewöhnlich auf 
gewaltsame Weise, da der Junge sich jetzt seiner eigenen Kräfte bewußt 
wird, seiner Stellung als Nachfolger, da er eine neue Giernach Besitz und 
ein neues Streben nach Einfluß fühlt. Häufig beginnt um diese Zeit ein 
direkter Kampf um die Herrschaft. In sexuellen Angelegenheiten ist die 
Krisis nicht so gewaltsam und wirkt weniger unmittelbar auf da» Verhältnis 
zu den Eltern. Aber die Hauptumrisse sind die gleichen. 

Das Mädchen der gebildeten Klassen durchlebt die Krisis bei ihrer ersten 
Menstruation, die zwar ihre Freiheit beeinträchtigt und das Leben schwieriger 
macht, aber ihm einen geheimnisvollen Reiz verleiht und gewöhnlich mit 
Ungeduld erwartet wird. Doch bedeutet die Pubertät für das Madchen in 
sozialer Hinsicht nicht so sehr einen Wendepunkt; es lebt ja weiter zu 
Hause oder erhält ihre Erziehung in einem Internat und alle ihre Be- 
schäftigungen und ihre Lebensführung stehen durchaus in Einklang mit 
dem normalen Familienleben, wobei allerdings das moderne Berufsmadehen 
von unserer Betrachtung ausgeschlossen bleibt; ihr Lebenszweck ist die 
erwartete Heirat. Ein wichtiges Element in ihren Beziehungen zur Familie 
ist die um diese Zeit häufig einsetzende Rivalität zwischen Mutter und 






46 



Dr. Bronislaw Malinowski 



Tochter. Wie oft diese in einer ausgesprochenen, unverhüllten Form er- 
scheint, 1 ist schwer zu sagen, aber zweifellos verzerrt sie die typischen Be- 
ziehungen der Normalfamilie. Zu dieser Zeit und nicht früher macht sich 
auch eine besondere Zärtlichkeit in den Beziehungen zwischen Vater und 
Tochter bemerkbar, die häufig einen ergänzenden Zug der Rivalität zwischen 
Mutter und Tochter darstellt. Hier haben wir die Gruppierung des „Elektra"- 
Komplexes, der also durchaus verschieden vom Ödipus-Komplex ist. Ziehen 
wir einerseits die größere Neigung der Frau zur Hysterie in Betracht — 
wir wollen uns ja hier mit den Grundlagen der normalen Entwicklung 
beschäftigen — so ist der Elektra-Komplex weniger häufig und hat geringere 
soziale Bedeutung und weniger Einfluß auf unsere westliche Kultur. Ander- 
seits aber setzt sich sein Einfluß häufiger in die Tat um und der Inzest 
zwischen Vater und Tochter scheint aus biologischen und soziologischen 
Gründen unvergleichlich häufiger vorzukommen als der zwischen Mutter 
und Sohn. Da wir uns bei dieser Erörterung hauptsächlich mit den kul- 
turellen und sozialen Wirkungen der Komplexe beschäftigen wollen, können 
wir auf die Parallele zwischen dem Ödipus- und Elektra-Komplex nicht im 
Detail eingehen. Wir können auch den Vergleich nicht durchführen 
zwischen den höheren Klassen, wo wir mehr Hysterie und weniger tat- 
sächlichen Inzest finden, und den unteren Ständen, wo das Sexualinteresse 
des Mädchens früher und auf normale Weise in Anspruch genommen wird, 
es daher weniger leicht hysterischen Abirrungen unterliegt, aber häufiger 
Nachstellungen von Seiten des Vaters ausgesetzt ist. 2 

Wenden wir uns nun zu den Trobriandinseln, hier beginnt die Pubertät 
früher als bei uns, aber wenn sie einsetzt, haben Knaben und Mädchen 
schon mit ihrer sexuellen Betätigung begonnen. Im sozialen Leben des 
einzelnen bildet die Pubertät keinen solchen Wendepunkt wie bei jenen 
wilden Stämmen, bei denen Initiationsriten bestehen. Der Knabe beginnt 
nach und nach, wie er sich der männlichen Reife nähert, stärkeren Anteil 
an den Erwerbsinteressen, an den Beschäftigungen des Stammes zu nehmen, 



1) Wie wir es z. B. so wundervoll dargestellt finden in der äußerst lehrreichen 
Novelle Maupassants : Fort comme la mort. 

2) Unter Bauern kommt es sehr häufig vor, daß der Vater der Tochter nachstellt- 
besonders häufig scheint dies bei den lateinischen Rassen der Fall zu sein. Ich habe 
gehört, daß unter rumänischen Bauern dieser Inzesttypus sehr verbreitet ist, und das- 
selbe scheint in Italien der Fall zu sein. Auf den Kanarischen Inseln kenne ich selbst 
ein paar Falle, wo Vater und Tochter Inzest miteinander treiben, aber nicht heim- 
lich, sondern öffentlich und schamlos einen gemeinsamen Haushalt führen und Kinder 
zeugen. 



Mutterrechtliche Familie und Ödipus-Komplex 47 



er wird nun als junger Mann (ulatile) betrachtet und ist am Ende der 
Pubertät ein vollwertiges Glied seines Stammes, bereit zu heiraten und alle 
seine Pflichten zu erfüllen und seine Vorrechte zu genießen. Das Mädchen, 
das zu Beginn der Pubertät größere Freiheit und Unabhängigkeit von ihrer 
Familie erlangt, hat ebenfalls mehr zu arbeiten, sie kann sich mehr Ver- 
gnügungen schaffen und muß schließlich alle zeremoniellen und alle mit 
dem Erwerbsleben und den Gesetzen zusammenhängenden Pflichten er- 
füllen, die in den Wirkungskreis des voll berechtigten Weibes fallen. 

Die wichtigste und für uns interessanteste Änderung aber besteht in dem 
teilweisen Bruch des Familienlebens, wenn die heranwachsenden Knaben 
und Mädchen nicht mehr dauernde Bewohner des väterlichen Heims sind. 
Denn Brüder und Schwestern, die einander schon lange vorher in der 
Kindheit ausweichen mußten, haben jetzt ein außerordentlich strenges Tabu 
einzuhalten, so daß jede Möglichkeit eines Kontaktes, während sie in sexuelle 
Angelegenheiten verwickelt sind, ausgeschaltet wird. Dieser Gefahr begegnet 
man durch eine besondere Einrichtung, dem bukumatula. Dieser Name be- 
zeichnet eine besondere Art von Häusern, die von Gruppen von Knaben und 
Mädchen bewohnt werden. Sobald ein Knabe die Pubertät erreicht, wird er ein 
solches Haus aufsuchen, das von einem älteren Jüngling oder jüngeren Witwer 
geleitet und von drei bis sechs Jünglingen bewohnt wird, die dort von ihren 
Geliebten besucht werden. So ist das elterliche Heim von der heranwach- 
senden männlichen Jugend gänzlich entblößt, obwohl der Knabe bis zu seiner 
Heirat immer wieder zurückkehren wird, um Nahrung zu holen, und bis 
zu einem gewissen Grad auch für den Haushalt arbeitet. Das Mädchen wird 
vielleicht in den seltenen keuschen Nächten, wenn sie nicht in dem einen 
oder anderen bukumatula erwartet wird, nach Hause schlafen kommen. 1 

Welche Gestalt nehmen die Gefühle eines melanesischen Knaben oder 
Mädchen in dieser wichtigen Periode gegenüber Vater, Mutter, Schwester 
oder Bruder an? Wir sehen, daß ebenso wie bei den Knaben und Mädchen 
des modernen "Europa in dieser Periode nur die endgültige Formung und 
Festigung dessen stattfindet, was sich während der früheren Lebensabschnitte 
allmählich herausgebildet hat. Die Mutter, von der das Kind entwöhnt 
wurde — und zwar im weitesten Sinne des Wortes — bleibt weiterhin 
der Angelpunkt für alle Stammesbeziehung und Verwandtschaft. Die Stellung 



i) Wegen eingehender Beschreibung und Analyse dieser Institution, eine der ge- 
nauesten Nachahmungen der sogenannten „Gruppenehe«, vgl. des Verfassers dem- 
nächst erscheinende Arbeit „The Sexual life of savages". 



4 8 



Dr. Bronislaw Malinowski 



des Knaben in der Gesellschaft, seine Pflichten und Vorrechte hängen von 
ihr und ihren Verwandten ab. Wenn niemand anderer da ist, für sie zu 
sorgen, so wird er es tun müssen ; dafür wird ihr Haus immer sein zweites 
Heim sein. Neigung und Anhänglichkeit werden durch soziale Pflichten 
vorgeschrieben, sie sind aber auch tief begründet im natürlichen Gefühl; 
wenn z. B. ein erwachsener Mann stirbt oder ein Unglück erleidet, so 
wird vor allem seine Mutter darüber in Verzweiflung geraten und ihr 
Jammer wird am aufrichtigsten sein und am längsten währen. Trotzdem 
aber finden wir wenig von der persönlichen Freundschaft, dem wechsel- 
seitigen Vertrauen und der Intimität, wie sie bei uns die Beziehungen 
zwischen Muttter und Sohn charakterisieren. Die Loslösung von der Mutter, 
die, wie wir in allen Perioden gesehen haben, leichter und vollständiger 
vor sich geht als bei uns, ohne jähes Losreißen und gewaltsame Unter- 
drückung, wird auf harmonische und lückenlose Weise erreicht. 

Der Vater tritt in dieser Zeit vorübergehend in den Hintergrund. Der 
Knabe, der als kleines Kind ziemlich unabhängig war und ein Mitglied 
der kleinen Jugendrepublik darstellte, gewinnt nun auf der einen Seite 
durch das bukumatula noch mehr Freiheit, anderseits wird aber diese wesent- 
lich eingeschränkt durch die zahlreichen Pflichten gegen seinen kada, seinen 
mütterlichen Onkel. Er hat weniger Zeit und weniger Interesse für seinen 
Vater übrig. Später, wenn sich Reibungen im Verhältnis zum Oheim fühl- 
bar machen, kehrt er gewöhnlich nochmals zum Vater zurück und nun 
wird ihre Freundschaft fürs Leben befestigt. In unserem Zeitabschnitt 
aber, wo der Jüngling mit seinen Pflichten bekannt gemacht, in den 
Überlieferungen unterwiesen wird, Magie, Zauberkünste und Kunstfertig- 
keiten zu lernen hat, ist das Interesse für den Bruder der Mutter, seinen 
Lehrer 1 und Führer am größten und ihre gegenseitigen Beziehungen sind 
die besten. 

Noch einen andern wichtigen Unterschied gibt es zwischen den Gefühlen 
eines rrielanesischen Knaben für seine Eltern und denen eines wohlerzogenen 
Jungen in unserer eigenen Gesellschaft. Wenn bei uns sich zur Zeit der 
Pubertät und mit den Eintritt des Jünglings ins Leben herrliche Aussichten 
vor ihm eröffnen, so wirft ihr Glanz einen seltsamen Schatten auf seine 
früheren herzlichen Gefühle gegen Vater und Mutter. Sein eigenes Sexual- 



ly Die Beziehungen zwischen diesen dreien, dem Jüngling, seinem Vater und dem 
mütterlichen Oheim sind in Wirklichkeit etwas komplizierter, als ich hier darlegen 
konnte, und gehen ein interessantes Bild von dem Spiel und Widerspiel der beiden 
unvereinbaren Prinzipien: Verwandtschaft und Autorität. 



Mutterrechtliche Familie und Ödipus-Komplex 49 



leben entfremdet ihn seinen Erzeugern, bringt in die Beziehungen zu ihnen 
eine gewisse Verlegenheit und schafft schwere Verwicklungen. Nicht so in 
der matrilinearen Gesellschaft. Die Abwesenheit einer früheren Periode des 
Unanständigen" und der ersten Auflehnung gegen die elterliche Autorität, 
das allmähliche und offene Anwachsen der Sexualität von dem Moment an, 
wo sie sich in dem jungen Blut zu regen begann; vor allem aber die 
Haltung wohlwollender Zuschauer, die die Eltern dem Sexualleben ihrer 
Kinder gegenüber einnehmen; daß die Mutter sich vollständig, aber all- 
mählich den leidenschaftlichen Gefühlen des Knaben entzieht, der Vater 
lächelnd zustimmt, all dies hat zur Folge, daß die Verstärkung der Sexu- 
alität bei der Pubertät keinen direkten Einfluß auf das Verhältnis zu den 

Eltern ausübt. 

Eine andere Beziehung aber wird durch jede solche Verstärkung, be- 
sonders aber durch die bei der Pubertät in hohem Grade beeinflußt: das 
Verhältnis zwischen Bruder und Schwester. Das Tabu, das sich auf jedes 
freie Zusammensein bezieht und alles Geschlechtliche aus den Beziehungen 
der beiden ausschließt, bestimmt das Sexualleben der beiden überhaupt. 
Denn wir müssen vor allem festhalten, daß dieses Tabu die sexuelle 
Schranke ist, die nicht überstiegen werden darf, und daß sie überhaupt 
das wichtigste Moralgesetz darstellt. Ja noch mehr, das Verbot, das schon 
in der Kindheit durch die Trennung von Brüdern und Schwestern zu 
wirken beginnt, und dessen wichtigster Punkt immer diese Trennung 
bleibt, erstreckt sich auf alle andern Frauen desselben Clans (Sippe). So ist 
für den Knaben die Welt vom Standpunkt der Sexualbefriedigung in zwei 
Hälften geteilt: die eine davon, welche die Frauen seines eigenen Clans 
umfaßt, ist für ihn verboten, die andere, zu der die Frauen der drei übrigen 
Clans gehören, ist ihm gesetzlich gestattet. 

Vergleichen wir nun das Verhältnis zwischen Bruder und Schwester in 
Melanesien und in Europa. Bei uns erkaltet allmählich das innige Ver- 
hältnis der Kindheit und geht in etwas gezwungene Beziehungen über, bei 
denen die Schwester selbstverständlich, aber keineswegs vollständig von ihrem 
Bruder durch soziologische, psychologische und biologische Faktoren getrennt 
wird. In Melanesien setzt das strenge Tabu in dem Moment ein, wo sich 
im Spiel oder aus kindlichen Vertraulichkeiten eine Intimität entwickeln 
könnte. Die Schwester bleibt ein geheimnisvolles Geschöpf, immer nah, aber 
niemals vertraut, getrennt durch den unsichtbaren, aber unübersteigbaren 
Wall des Herkommens, der allmählich zu einem moralischen und persön- 
lichen Gebot wird. 



Die Schwester und die Schwestergruppe bleibt der einzige immer ver- 
borgene Fleck am sexuellen Horizont. Jeder natürliche Antrieb kindlicher 
Zärtlichkeit wird von Anfang an ebenso systematisch verdrängt wie andere 
natürliche Triebe bei unseren Kindern, und die Schwester wird als Objekt 
von Gedanken, Interesse und Gefühl ebenso zum „Unanständigen" wie die 
verbotenen Dinge für unsere Kinder. Später, wenn die persönlichen sexu- 
ellen Erfahrungen sich ausbreiten, wird der Schleier der Zurückhaltung, 
der die beiden trennt, noch dichter. Aber, obwohl sie einander fortwährend 
auszuweichen haben, müssen sie doch, da er für ihren Haushalt sorgt, 
einander fortwährend Gedanken und Aufmerksamkeit schenken. Eine der- 
artige künstliche und frühzeitige Verdrängung muß ihre Folgen haben. 
Die Psychologen der Freudschule könnten leicht davon erzählen. 

Bis jetzt habe ich fast ausschließlich vom Standpunkt des Knaben aus 
gesprochen. Wie gestaltet sich nun das Verhältnis eines melanesischen 
Mädchens zu ihrer Familie während der Pubertät? Im großen und ganzen 
unterscheidet sich ihr Verhalten nicht so sehr von dem ihrer europäischen 
Schwester wie das des Knaben von seinem europäischen Gegenstück. Gerade 
wegen des Bruder und Schwester trennenden Verbotes berührt die matriar- 
chale Gesellschaftsform der Trobriands das Mädchen weniger als den Knaben. 
Denn da es dem Bruder strenge verboten ist, an den Liebesangelegenheiten 
der Schwester, ihre Heirat eingeschlossen, irgend ein Interesse zu nehmen, 
sich auch der mütterliche Onkel von diesen Dingen fern zu halten hat, 
so ist sonderbarerweise bei allem, was ihre Ehe betrifft, der Vater ihr Vor- 
mund. Infolgedessen existiert zwischen Vater und Tochter zwar nicht das 
gleiche, aber ein sehr ähnliches Verhältnis wie bei uns. Denn bei uns ist 
die Beibung zwischen Vater und Tochter für gewöhnlich gering und die 
Beziehung nähert sich daher jener, die wir bei den Trobriands zwischen 
Vater und Kind gefunden haben. Anderseits ist die Beziehung zwischen 
einem erwachsenen Mann und einem heranwachsenden Mädchen, die, wohl- 
gemerkt, nicht als seihe Verwandte gilt, nicht frei von Versuchungen. Diese 
werden nicht vermindert, sondern gesteigert durch die Tatsache, daß die 
Tochter zwar nicht unter das Tabu der Exogamie fällt, daß aber der Sexual- 
verkehr zwischen den beiden für sehr tadelnswert gilt, obwohl es niemals 
den Namen suvasova erhält, der „Bruch der Exogamie bedeutet. Als Grund 
für dieses Vater und Tochter betreffende Verbot haben wir einfach die 
Vorstellung anzunehmen, daß es Unrecht ist, mit der Tochter der Frau, 
mit der man zusammen lebt, Sexualverkehr zu pflegen. Es wird uns nicht 
erstaunen, wenn wir später bei der Untersuchung des Einflusses des typi- 



Mutterrechtliche Familie und Ödipus-Romplex 



5i 



sehen Verhaltens zwischen den Mitgliedern einer Familie finden werden, 
daß der Inzest zwischen Vater und Tochter tatsächlich vorkommt, ohne 
daß er mit peinlichen Vorstellungen verknüpft wäre und auch ohne im 
Folklore ein Echo zu finden. 

Das Verhältnis zur Mutter verläuft im allgemeinen natürlicher als bei 
uns aber nicht wesentlich anders. Ein Unterschied aber ist vorhanden: 
Nämlich, das Verlassen des elterlichen Hauses nach Eintritt der Pubertät 
un d die zahlreichen außerhäuslichen sexuellen Interessen des Mädchens 
verhindern im allgemeinen die Entwicklung von Rivalität und Eifersucht 
zwischen Mutter und Tochter, obwohl sie nicht durchaus das Vorkommen 
des Inzestes zwischen Vater und Tochter unmöglich macht. So können wir 
abgesehen von dem Verhältnis zum Bruder, im allgemeinen sagen, daß 
sich in einem melanesischen Mädchen annähernd dieselben Gefühle finden 
wie in einem europäischen. 



4* 



ix 
Der Ödipus -Komplex und der Kernkomplex der 
matrilinearen Familie — eine Zusammenstellung 

Wir haben die beiden Zivilisationen, die europäische und die mela- 
nesische miteinander verglichen und haben gesehen, daß bedeutsame 
Unterschiede vorhanden sind, da einige von den Kräften, durch welche die 
Gesellschaft die biologische Natur des Menschen gestaltet, von Grund auf 
verschieden sind. Allerdings wird in beiden dem Sexualleben ein gewisser 
Spielraum gegeben und anderseits wird der Sexualinstinkt bis zu einem 
gewissen Grade eingeschränkt und geregelt; aber der Wirkungskreis des 
Tabu und die sexuelle Freiheit innerhalb der von ihm vorgeschriebenen 
Grenzen sind in beiden durchaus verschieden. Außerdem finden wir 
innerhalb der Familie eine verschiedene Verteilung der Autorität und in 
Verbindung damit eine verschiedene Anschauung über Verwandtschaft und 
Sippenzugehörigkeit. Wir haben in beiden Gesellschaftsformen verfolgt, wie 
der typische Durchschnittsknabe oder das Durchschnittsmädchen unter diesen 
divergierenden Rechtsverhältnissen und Bräuchen heranwächst. Wir haben 
gefunden, daß sich fast bei jedem Schritt tiefgehende Unterschiede zeigen, 
die dem Ineinanderwirken biologischer Impulse und sozialer Regeln ent- 
stammen, da diese beiden bisweilen miteinander harmonieren, bisweilen 
gegeneinander kämpfen, manchesmal zu einem kurzen Gedeihen führen, 
ein anderesmal das Individuum wieder aus dem Gleichgewicht bringen, 
aber doch die Möglichkeit einer künftigen Entwicklung offen lassen. Wir 
haben gesehen, daß gegen Ende der Lebensgeschichte des Kindes, nachdem 
es die Reife erlangt hat, seine Gefühle gegenüber Mutter, Vater, Bruder, 
Schwester und — bei den Trobriandinsulanern — gegenüber dem mütter- 
lichen Onkel, sich zu einem System ausgestaltet haben, das ein typisches 
Kennzeichen jeder Gesellschaftsform ist und das wir, um uns an die psycho- 
analytische Terminologie anzuschließen, den Kernkomplex genannt haben. 



Mutterrechtliche Familie und Ödipus-Komplex 55 



fleh will mir nun gestatten, die Hauptzüge dieser beiden Komplexe noch 
einmal kurz darzustellen. Der Ödipus-Komplex, der für unsere patriarchale 
Gesellschaft typisch ist, bildet sich in der frühen Kindheit, teilweise wäh- 
rend des Überganges von der ersten zur zweiten Periode, teilweise im Ver- 
laufe der letzteren, so daß gegen das Ende derselben, d. h. wenn der Knabe 
fünf oder sechs Jahre alt ist, seine Einstellung eigentlich fertig, wenn 
auch nicht endgültig ausgebildet ist. Diese Einstellung enthält in sich 
bereits zahlreiche Elemente von Haß und unterdrücktem Wunsch. In alle- 
dem unterscheiden sich, wie ich denke, unsere Resultate in keiner Rich- 
tung von denen der Psychoanalyse. 

In der matrilinearen Gesellschaft hat zwar das Kind in dieser Periode 
schon ganz bestimmte Gefühle gegen Vater und Mutter entwickelt, aber 
diese enthalten nichts von Verdrängung, nichts Negatives, keinen unerfüllten 
Wunsch. Woher kommt dieser Unterschied? Er kommt daher, daß um 
es kurz zusammenzufassen — die sozialen Einrichtungen der matrilinearen 
Gesellschaft der Trobriands, wie wir gesehen haben, fast vollständig in 
Übereinstimmung mit der biologischen Entwicklung sind, während 
die Einrichtung des Vaterrechtes eine Anzahl natürlicher Triebe und Nei- 
gungen durchkreuzt und unterdrückt. Wollen wir die Frage aber im 
einzelnen behandeln, so ist vor allem die leidenschaftliche Zuneigung 
zu der Mutter hervorzuheben, der körperliche Wunsch nach ihrer Nähe, 
der in der patriarchalen Gesellschaft auf die eine oder die andere Weise 
mehr oder minder gewaltsam unterdrückt wird; ferner der Einfluß unserer 
Moral, der die Sexualität bei Kindern verdammt; die Roheit des Vaters, 
vor allem in den niedrigen Ständen, die Vorstellung seines ausschließlichen 
Rechtes über Mutter und Kind, die in den höheren Ständen unterirdisch, 
aber einschneidend wirkt, die Angst der Frau ihrem Gatten zu mißfallen. 
Alle diese Einflüsse müssen Eltern und Kinder auseinanderbringen. Selbst 
wo die Rivalität zwischen Vater und Kind um die Aufmerksamkeit der 
Mutter auf ein Minimum reduziert oder überhaupt nicht vorhanden ist, 
kommt es in der zweiten Periode zu einem entschiedenen Zusammen- 
stoß der sozialen Interessen zwischen Vater und Kind. Das Kind 
ist eine Erschwerung und ein Hindernis für die elterliche Freiheit, eine 
Erinnerung an Alter und Verfall und, wenn es ein Sohn ist, oft eine 
Drohung künftiger sozialer Rivalität. So ist, ganz abgesehen von dem 
Aneinanderprallen der sexuellen Interessen ein weiter Raum gegeben für 
die sozialen Reibungen zwischen Vater und Kind. Ich sage absichtlich 
Kind und nicht Knabe, denn unsere Forschungen haben uns gezeigt, daß 



54 



Dr. Bronislaw Malinowski 



die Geschlechtsdifferenz zwischen den Kindern in dieser Periode keine 
Rolle spielt; auch hat sich bis jetzt noch keine engere Beziehung zwischen 
Vater und Tochter bemerkbar gemacht. 

Keine dieser Kräfte und Einflüsse findet sich in der matrilinearen 
Gesellschaft der Trobriandinsulaner. Vor allem — und das hat, wohl ge- 
merkt, nichts mit Matrilinearität zu tun — gibt es dort kein Verdammen 
von Sexualität oder Sinnlichkeit als solcher und vor allem keinen morali- 
schen Abscheu bei der Vorstellung von infantiler Sexualität. Die sinnliche 
Anhänglichkeit des Kindes an die Mutter darf ihren natürlichen Lauf 
nehmen bis sie sich von selbst ausspielt und von anderen körperlichen 
Interessen abgelöst wird. Das Verhalten des Vaters gegenüber dem Kind 
während dieser beiden frühen Perioden ist das eines nahen Freundes und 
Helfers. Zur Zeit, in der der Vater bei uns sich die kindlichen Sympa- 
thien bestenfalls durch Abwesenheit von der Kinderstube erwirbt, ist der 
Trobriand-Vater zuerst Kinderpfleger und dann Gefährte. 

Auch die Entwicklung des präsexuellen Lebens zu dieser Zeit verläuft 
in Europa anders als in Melanesien: die Verdrängungen, die die Kinder- 
stube bei uns vor allem in den höheren Klassen bewirkt, entwickeln einen 
Hang zu geheimen Nachforschungen nach unanständigen Dingen, vor allem 
Funktionen und Organen der Entleerung. Unter den Wilden finden wir 
keine solche Periode. Nun schafft aber diese kindliche vorgenitale „Unan- 
ständigkeit" erst die Unterscheidungen anständig — unanständig, rein— unrein, 
und das Unanständige, ein Gebiet, zu dem die Eltern keinen Zutritt 
haben dürfen, verstärkt und vertieft das Tabu, das gewisse Beziehungen 
zur Mutter so plötzlich getroffen hat, nämlich die frühzeitige Verbannung 
von ihrem Bett und körperlichen Umarmungen. 

Auch hier also gibt es für die Kinder der Trobriandeingeborenen nicht 
dieselben Schwierigkeiten wie in unserer Gesellschaft. Einen ebenso bedeut- 
samen Unterschied finden wir bei der nächsten Periode der Sexualität. In 
Europa tritt hier eine mehr oder minder ausgesprochene Latenzperiode 
ein, die einen Bruch in der Kontinuität der sexuellen Entwicklung mit 
sich bringt und nach Freud dazu dient, viele unserer Verdrängungen so 
wie die allgemeine Amnesie zu verstärken, und die manche Gefahren in 
der sexuellen Entwicklung schafft. Anderseits aber stellt sie den Triumph 
der anderen kulturellen und sozialen Forderungen über die Sexualität dar. 
Unter den Wilden drängt sich in dieser Zeit eine frühe genitale Form 
des Geschlechtslebens — eine bei uns fast unbekannte Form — an die 
erste Stelle der kindlichen Interessen, um nie wieder verdrängt zu werden. 



Dies ist zwar in vieler Hinsicht vom kulturellen Standpunkt aus ein großer 
Schteü, aber es hilft dazu, das Kind allmählich und reibungslos von dem 
■cSnflnR der Familie zu entwöhnen. 

V„ m m.» denn die Periode sexueller Latenz in nns.rer Gesellschaft g. 
g h STd-r iw ,i,e» Teil. Wen» wir diese Wen späteren Stade» be- 
lohnen die die „«„Hilf» der Entwicklung bilde», so 1,„ en wrr em.» 
^»'tiefgehende» Unterschied^ uns -^J^^^ 

Periode der Pubertät der Odipus-Komplex, d. h. das Verhalten 
^ seine Eltern, nur eine Festigung und Ausgestaltung.^ Meines- 
fb!r kann im wesentlichen erst in dieser Periode, ja eigentlich fast aus 
«ch hier, überhaupt ein Komplex sich bilden. ^ ^ ~ .^ 
Periode wird das Kind einem System von Verdrängungen und Tabus unter 
worfen die sein Wesen zu formen beginnen. Auf diesen Zwang antwortet 
rS;^ durch Anpassung, teilweise durch die Entwicklung von meh 
oder weniger unterdrückten Gegenströmungen und Wünschen, denn che 
ZsZl Natur ist nicht nur mit dem Hammer zu bearbeiten, sondern 

nie^at-der Verdrängung und Bildung in Melanesien sind^h: 
Unterwerfung unter das matriarchale Stammgesetz und die durch 
d^e Exogamie" hervorgerufenen Verbote. Die erste kommt durch den 
Einfluß d'es Mutter-Bruders zustande, der steh an ^*^^J^ 
Ehrgeiz des Kindes wendet und so in eine Beziehung zu ihn tritt, die m 
vSrHin cht analog zu der zwischen Vater und Kind bei uns ist. Ander- 
es sfhaffen die Anstrengungen, die er forde,, und die ~^t5 
Nachfolger und Vorgänger den negativen Elementen von Eifersucht und 
Gr H Sgang. So bildet sich eine ambivalente Einstellung heraus, in 
tr VethLg die anerkannte und beherrschende Stelle einmmmt, wahrend 
sich unterdrückter Haß nur indirekt äußern kann. 

Das zweite Tabu, das Inzestverbot, umgibt die Schwester und, in 
gerfngerem Grade, die anderen weiblichen Verwandten mütterlicherseits 
unTdie Frauen desselben Clans, mit einem Schleier «^^££ 
Die Schwester ist die Repräsentantin für diese ganze Klasse von Frauen 
utd hr g 1t das strengste Tabu. Wir haben beobachtet, daß dieses trennende 
Tabu da! schon in der Kindheit sich im Leben des Knaben geltend macht 
^beginnenden Zärtlichkeit gegen seine Schwester, die ja bei einem Kinde 
em natürlicher Trieb ist, ein Ende mach, Dieses Tabu Stempel auch em 
zufällige Berührung auf sexuellem Gebiet zum Verbrechen und hat daher 



56 



Dr. Bronislaw Malinowski 



zur Folge, daß der Gedanke an die Schwester zwar dauernd unterdrückt, 
aber doch immer vorhanden ist. 

Vergleichen wir kurz die zwei Gruppen innerhalb der Familie miteinander, 
so sehen wir, daß in einer patriarchalen Gesellschaft die kindlichen Eifer- 
süchteleien und die späteren sozialen Aufgaben in das Verhältnis von Vater 
und Sohn außer der gegenseitigen Zuneigung auch ein gewisses Maß von 
Groll uud Abneigung bringen. Anderseits hinterläßt die in früher Kind- 
heit eintretende Trennung von Mutter und Sohn ein tiefes unbefriedigtes 
Verlangen, welches sich später, beim Hinzutreten sexueller Interessen, in 
der Erinnerung mit dem neu entstandenen körperlichen Wünschen ver- 
mischt, häufig einen neurotischen Charakter annimmt und in Träumen 
und anderen Phantasien an die Oberfläche kommt. Bei den Melanesiern 
gibt es keine Reibung zwischen Vater und Sohn und das ganze kindliche 
Verlangen nach der Mutter kann sich schrittweise auf natürliche Art und 
ohne Hemmungen ausleben. Die Ambivalenz von Ehrfurcht und Abneigung 
zeigt sich gegenüber dem Bruder der Mutter, während die sexuellen 
Beziehungen, die aus verdrängten Inzestversuchungen hervorgehen, sich 
nur gegenüber der Schwester ausbilden können. Wenn wir auf jede der 
beiden Gesellschaftsformen eine kurze, wenn auch etwas rohe Formel an- 
wenden, so können wir sagen, daß sich im Ödipus-Komplex der ver- 
drängte Wunsch findet, den Vater zu töten und die Mutter zu 
heiraten, während bei den Trobriandinsulanern mit ihrer matrilinearen 
Gesellschaftsform der Wunsch darin besteht, die Schwester zu heiraten 
und den Bruder der Mutter zu töten. 



Damit haben wir die Resultate unserer eingehenden Forschung zu- 
sammengefaßt und eine Antwort auf die erste Frage gegeben, die wir zu 
Beginn aufgerollt haben, d. h. wir haben erforscht, wie sich der Kern- 
komplex mit der Konstitution der Familie wandelt und wie er 
von einigen Zügen des Familienlebens und der sexuellen Moral abhängt. 

Wir schulden der Psychoanalyse die Entdeckung, daß es in unserer Ge- 
sellschaft eine typische Gefühlsgmppierung gibt und die teilweise, vor allem 
auf der Sexualität beruhende Erklärung, weshalb ein solcher Komplex 
existieren muß. In den vorangehenden Seiten konnten wir den Umriß des 
Kernkomplexes einer anderen Gesellschaftsform, einer matrilinearen geben, 
ein Komplextypus, mit dem man sich bisher nicht befaßt hat. Wir haben 
gefunden, daß dieser Komplex sich von dem patriarchalen wesentlich 



i 



Mutterrechtliche Familie und Ödipus-Komplex 57 



unterscheidet und haben gezeigt, warum er sich unterscheiden muß und 
welche sozialen Kräfte dies bewirken. Wir haben unseren Vergleich auf 
breitester Grundlage gezogen und, ohne die sexuellen Faktoren zu ver- 
nachlässigen, systematisch auch die anderen Elemente einbezogen. Das 
Resultat ist wichtig, den man hat bis jetzt nie vermutet, daß es einen 
anderen Typus des Kernkomplexes geben könnte. Durch meine Analyse 
habe ich festgestellt, daß Freuds Theorien der menschlichen Psy- 
chologie nicht nur in rohen Zügen entsprechen, sondern daß 
sie sich eng den Wandlungen anschließen, die die verschiedenen 
Grundlagen der Gesellschaft in der menschlichen Natur hervor- 
bringen. Mit anderen Worten ich habe die tiefgehende Beziehung zwischen 
einem Gesellschaftstypus und seinem Kernkomplex aufgezeigt. Während 
dies nun eine bemerkenswerte Bestätigung des Hauptinhaltes der Freud- 
schen Psychologie ist, dürfte es uns doch zwingen einige ihrer Einzelheiten 
zu modifizieren, oder besser gesagt, einige ihrer Formen dehnbarer zu ge- 
stalten. Um mich konkret auszudrücken: es scheint notwendig, die Wechsel- 
beziehung biologischer und sozialer Einflüsse systematischer zu untersuchen, 
nicht überall die Existenz des Ödipus-Komplexes zu behaupten, sondern 
jeden Kulturtypus zu studieren und den besonderen Komplex festzu- 
stellen, der zu ihm gehört. 

Es würde nun noch übrig bleiben, zu der Erforschung der zweiten 
Frage überzugehen, die ich im ersten Abschnitt dieses Aufsatzes gestellt 
habe, nämlich zu prüfen, ob der matrilineare Komplex, der in seiner Ent- 
stehung und seinem Wesen so verschieden vom Ödipus-Komplex ist, auch 
auf Überlieferung und soziale Organisation einen verschiedenen Einfluß 
ausübt, d. h. ob er diesem ein spezifisch matrilineares Gepräge gibt. Die Be- 
handlung dieser Frage muß einer späteren Arbeit vorbehalten bleiben. In dieser 
vollständigen Darstellung meiner psychoanalytischen Resultate werde ich 
zeigen können, daß sich sowohl im sozialen Leben als auch im Folklore unserer 
Primitiven ihre spezifischen Verdrängungen in einer Art äußern, die nicht 
mißverstanden werden kann. Wann immer die Leidenschaften, die für ge- 
wöhnlich durch strenge Tabus, Bräuche und gesetzliche Strafen in über- 
lieferten Grenzen gehalten werden, in Verbrechen, Perversionen oder Ver- 
irrungen oder auch in einem jener dramatischen Vorfälle durchbrechen, 
die von Zeit zu Zeit das Leben einer primitiven Gemeinschaft erschüttern, 
dann enthüllen diese Leidenschaften den Haß gegen den Bruder der Mutter 
oder Inzestwünsche gegen die Schwester. Auch das Folklore dieser Mela- 
nesier spiegelt den matrilinearen Komplex wider. Die Prüfung von Mythus, 




Märchen und Legende ebenso wie die der Magie wird uns zeigen, daß der 
verdrängte Haß gegen den Mutterbruder, der für gewöhnlich durch kon- 
ventionelle Ehrfurcht und Gemeinschaftsgefühl verborgen wird, in diesen 
Erzählungen, die nach dem Muster von Tagträumen aufgebaut und von 
unterdrückten Wünschen diktiert werden, seinen Durchbrüch findet. 

Besonders interessant ist der Liebeszauber dieser Primitiven und die 
damit verbundene Mythologie. Alle geschlechtliche Anziehung, alle Macht 
der Verführung hat ihrer Ansicht nach in dem Liebeszauber ihren Sitz. 
Dieser Zauber aber beruht nach der Ansicht unseres Stammes in einem 
dramatischen Vorfall der Vergangenheit, den ein seltsamer Mythus von 
Geschwisterinzest berichtet. 

So kann die Behauptung, die wir durch die Beschreibung der sozialen 
Beziehungen innerhalb der Familie Und durch eine Analyse der Verwandt- 
schaftsverhältnisse gestützt haben, auch unabhängig davon bewiesen werden : 
nämlich durch Erforschung der Kultur dieser melanesischen Eingeborenen. 



INHALTSVERZEICHNIS 

Seite 

I Die soziologische Problemstellung in der Psychoanalyse .... -5 

II. Die Beschaffenheit der Familie in einer patriarchalischen und m einer mutter- ^ 

rechtlichen Gesellschaft , ' ' ' „ ' 

III Die erste Phase des Familiendramas: die glückliche Verbindung von Mutter 

und Kind in matrilinearen und patrilinearen Gesellschaften _ • »5 

IV. Der erste Konflikt in der patriarchalischen und das Andauern der Harmonie ^ 

in der matrilinearen Gesellschaft '..''" 

V. Die infantile Sexualität bei den Kindern der Wilden und der Zivilisierten . 25 

VI. Vorbereitung fürs Leben und Reaktion gegen die Autorität 29 

VII. Die Sexualität des späteren Kindesalters ' : 

4 2 

VIII. Pubertät ... 

IX. Der Ödipus-Komplex und der Kernkomplex der matrilinearen Familie - eine 

Zusammenstellung 






INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER 

Wien VII. Andreasgasse 3 



VERLAG 



SIGM. FREUD 
GESAMMELTE SCHRIFTEN 



i 

Studien Ober Hysterie / Frühe Arbeiten zur 
Nenrosenlehre (1892-99) (Charcot — Ein Fall von 
hypnot. Heilung nebst Bemerkungen Ober d. Ent- 
stehung hyster. Symptome durch d. Gegenwillen — 
Quelques considerations pour une etude compara- 
tive des parälysies motrices organ. et hysteriques — 
Die Abwehr-Neuropsychosen — Über die Berechti- 
gung, von der Neurasthenie einen bestimmten 
Symptomenkomplex als „Angstneurose" abzu- 
trennen — Obsessions et phobies — Zur Kritik der 
Angstneurose — Weitere Bemerkungen über die 
Abwehr-Neuropsychosen— L'heredite et l'etiologie 
des nevroses — Zur Ätiologie der Hysterie — 
Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen — 
Über Deckerinnerungen) 

n 

Die Traumdeutung 

III 

Nachtrage zur Traumdeutung / Über den 
Traum / Beiträge zur Trauralehre (Märchenstoffe 
in Träumen — Ein Traum als Beweismittel — 
Traum und Telepathie — Bemerkungen zur Theorie 
und Praxis der Traumdeutung) 

IV 

Zur Psychopathologie des Alltagslebens ' Das 
Interesse an der Psychoanalyse / Über Psycho- 
analyse / Zur Geschichte der psychoanalytischen 
Bewegung 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie / Arbeiten 
zum Sexualleben und zur Neurosenlehre (Heine 
Ansichten über die Rolle der Sexualität in der 
Ätiologie der Neurosen — Zur sexuellen Aufklärung 
der Kinder — Die „kulturelle* Sexualmoral und 
die Nervosität — Über infantile Sexualtheorien — 
Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens: Über 
einen besonderen Typus der Objektwahl beim 
Manne. Über die allgemeinste Erniedrigung des 
Liebeslebens. Das Tabu der Virginität — Die 
infantile Genitalorganisation — Zwei Kinderlügen — 
Gedankenassoziation eines vierjährigen Kindes — 
Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur 
Bisexualität — Über den hysterischen Anfall — 
Charakter u. Analeroük — Über Triebumsetzungen, 
insbesondere der Analerotik — Die Disposition zur 
Zwangneurose — Mitteilung eines der psycho- 
analytischen Theorie -widersprechenden Falles von 
Paranoia — Die psychogene Sehstörung in psycho- 
analytischer Auffassung — Eine Beziehung zwischen 
einem Symbol und einem Symptom — Über die 
Psychogenese eines Falles von weiblicher Homo- 
sexualität — „Ein Kind wird geschlagen" — J^as 
ökonomische Problem des Masochismus — Über 
einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht, 
Paranoia und Homosexualität — Über neurotische 
Erkrankungstypen — Formulierungen über die 
zwei Prinzipien des psychischen Geschehens — 



Neurose und Psychose — Der Untergang des 
Ödipuskomplexes) / Metapsychologie (Einige 
Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten 
in der PsA. — Triebe und Triebschicksale — Die 
Verdrängung — Das Unbewußte — Metapsycholog. 
Ergänzung z. Traumlehre — Trauer und Melancholie) 

VI 

Zur Technik (Die Freudsche psychoanalytische 
Methode — Über Psychotherapie — Die zukünftigen 
Chancen der psychoanalytischen Therapie — Über 
„wilde" Psychoanalyse — Die Handhabung der 
Traumdeutung in der Psychoanalyse — Zur Dynamik 
der Übertragung — Ratschläge für den Arzt bei 
der psychoanalytischen Behandlung — Über fausse 
reconnaissance [„dejä raconte"] während der psycho- 
analytischen Arbeit — Zur Einleitung der Behandlung 
— Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten — 
Bemerkungen über die Übertragungsliebe — Wege 
der psychoanalyt. Therapie — Zur Vorgeschichte 
der analyt. Technik) / Zur Einfahrung des Nar- 
zißmus / Jenseits des Lustprinzips / Massen- 
psychologie und Ich-Analyse / Das Ich und das 
Es / Anhang (Der Realitätsverlust bei Neurose und 
Psychose — Notiz über den Wunderblock) 

vn 

Vorlesungen zur Einführung In die Psychoanalyse 

vm 

Krankengeschichten (Bruchstück einer Hysterie- 
analyse — Analyse der Phobie eines fünfjährigen 
Knaben — Über einen Fall von Zwangsneurose — 
Psa, Bemerkungen über einen autobiographisch be- 
schriebenen Fall von Paranoia — Aus der Geschichte 
einer infantilen Neurose) 

IX 

Der Witz nnd seine Beziehung zum unbewußten 
/ Der Wahn und die Träume In W. Jensens 
„Gradiva" / Eine Kindheitserinnerung des Leo- 
nardo da Vinci 



Totem und Tabu / Arbeiten zur Anwendung der 
Psychoanalyse (Tatbestandsdiagnostik nnd Psycho- 
analyse — Zwangshandlungen und Religionsübung — 
Über den Gegensinn der Urworte — Der Dichter 
und das Phantasieren — Mythologische Parallele 
Zu einer plastischen Zwangsvorstellung — Das 
Motiv der Kästchenwahl — Der Moses des Michel- 
angelo — Einige Charaktertypen aus der psa. Arbeit: 
Die Ausnahmen. Die am Erfolge scheitern. Die 
Verbrecher aus Schuldbewußtsein — Zeitgemäßes 
über Krieg und Tod — Eine Schwierigkeit der 
Psychoanalyse — Eine Kindheitserinnerung aus. 
„Dichtung und Wahrheit" — Das Unheimliche — Eine 
Teufelsneurose im 17. Jahrhundert 

XI 
Nachtrage / Bibliographie 1 Register 



Die Bände I und IV-X erscheinen I924, die drei resdicben IQ25 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien VII, Andreasgasse 3 

Dr. OTTO RANK 
Psychoanalytische Beiträge zur Mythenforschung 

Inh alt: Mythologie u. Psychoanalyse/ Symbolik / Völkerpsychol. Parallelen z. d. Infant. Sexualtheorien / 
Deutung der Sintflutsage / Männeken-Piß u. Dukaten-Scheißer / Brüdermärchen / Mythus u. Märchen 

Daß Rank es verstanden hat, sein Thema klar, übersichtlich und fesselnd zu gestalten, ist für den 
Kenner seiner Arbeiten keine Überraschung. Zeitschrift für Sexualwissenschaft. 

Kritische Leser werden viel Anregung und interessantes Material in diesen Aufsätzen finden. 

Literarisches Echo. 

Libro ... de una presentaciön elegante es una de las magnificas contribuciones a la interpretaciön 
psicoanalitica de mitos y legendas. Revista di Psiquiatria, Lima, 

Dr. OTTO RANK 
Das Trauma der Geburt 

und seine Bedeutung für die Psychoanalyse 

Inhalt: Analytische Situation / Inf antile Angst / Sexuelle Befriedigung / Neurotische Reproduktion / 
Symbolische Anpassung / Heroische Kompensation / Religiöse Subjimierung / Künstlerische Ideali- 
sierung / Philosophische Spekulation / Psychoanalytische Erkenntnis / Therapeutische Wirkung. 

Dr. EDUARD HITSCHMANN 
Gottfried Keller 

Sind die Künstler- Psychoanalysen besser (d. h. vorsichtiger in der Materialbewertung) geworden 
oder haben wir im Laufe der Zeit nähere Fühlung mit der Psychoanalyse gewonnen? Wohl beides . . . 
Das vorliegende Keller-Buch hat mir auch als Literarhistoriker einige Lichter aufgesteckt . . . Das 
Buch vertieft unseren Einblick in die erotischen Probleme bei dem Menschen wie bei dem Künstler 
Keller. Es erklärt die Hemmungen in seiner persönlichen Liebeswahl und Sexualität und beleuchtet 
entsprechende Motive seiner Dichtung. Prof. Harry Maync (Bern) im Literarischen Echo. 



Dr. EMIL LORENZ 
Der politische Mythus 

Beiträge zur Mythologie der Kultur 

In seiner edlen Wissenschaftlichkeit die Wage des Für und Wider liebevoll austarierend, ein 
Apotheker magischer Destillate und wiederum — wäre das Wort nicht so zerbeult: ein Barock- 
mensch — dosiert er seine Gedanken. In keiner Bibliothek eines politischen Menschen sollte das 
Buch fehlen. Klagenfurter Zeitung. 

Diese Darlegungen verdienen nicht nur das Interesse des Forschers, sie sind auch ebenso beachtens- 
wert für den Künstler wie den gebildeten Laien. Trierer Zeitung. 

In der Durchleuchtung der Seele von Revolutionen spürt er mit unendlich feinfühligem Geiste den 
inneren Antrieben von Massenbewegungen nach und findet in den Trägern dieser Umstürze unbewußte 
Motive wirksam, die er geistreich bis zu den Urformen zurückverfolgt. Freie Stimmen. 

Prof. Dr. HEINRICH GOMPERZ 
Psychol. Beobachtungen an griechischen Philosophen 

(Sokrates — Parmenid.es) 

Dr. FRITZ GIESE 
Psychoanalytische Psychotechnik 

I. PsAnalyse u. Wirtschaftsleben. Über erotisierte Reklame. II. Psychol. Eignungsprüfung 



Der eigene und der fremde Gott 

Zur Psychoanalyse der religiösen Entwicklung 



Von 



Dr. Theodor Reik 



Reik darf mit Recht als der tiefblickendste und scharfsinnigste Religions- 
psychologe unserer Zeit genannt werden. (Schulreform, Bern) 

Ein geistreiches Buch. Ein Versuch, die Erscheinungen der religiösen Feind- 
seligkeit und Intoleranz zu erklären und den Ursachen der religiösen Ver- 
schiedenheiten nachzuforschen. Reik ist einer der hellsten Köpfe unter den 
Psychoanalytikern. (Alfred Döblin in der Vossischen Zeitung) 

Gut, wenn auch wohl zu fein durchgeführt, ist die Analyse des Fanatismus, der auf 
innere Geteiltheit, eine „Äquivalenz von Triebgegensatzpaaren" zurückgeführt 
wird . . Man wird eine Methode, die so tiefe Sachverhalte aufdecken kann, nicht 
a limine ablehnen. (Prof. Titius in der Theolog. Literaturzeitung) 

Zwei Jahrtausende haben über das Judas-Problem gegrübelt und es fast zer- 
grübelt . . . Nun tritt Reik psychoanalytisch an diese tiefsten Fragen heran . . . 
Im Mittelpunkt steht die Deutung des Judas-Problems. Jesus und Judas in ihren 
Wurzeln verschmolzen und einwesenhaft. Man muß Reiks wuchtigen Vorstoß 
anerkennen . . . Rücksichtslos geht der Weg, zwar oft durch Dunkel und Schrecken 
und kaltes Grauen. Aber wer den Mut dazu hat, kann sich getrost der sach- 
kundigen Führung Reiks anvertrauen. (Bremer Nachrichten) 

Manches darin wird starken Anstoß erregen, und doch . . . findet man immer 
wieder etwas in ein neues Licht gerückt, und zwar so, daß es einleuchtet. 
Wieviel Bücher gibt es denn, von denen man das sagen kann? 

(Dr. Drill in der Frankfurter Zeitung) 

Die Bedeutung des Buches liegt darin, daß es — auch dem nicht auf dem Boden 
der psychoanalytischen Theorie Stehenden — zeigt, wie die Psychoanalyse der 
Religionspsychologie und Religionsgeschichte, ja der allgemeinen Religionswissen- 
schaft überhaupt, mannigfach bisher unbetretene Wege zu weisen imstande ist. 
(Dr.theol.etphil. F.K. Schumann in der Zeitschr. f. Sexualwissenschaft) 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien VII, Andreasgasse 5 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag 
Wien VII, Andreasgasse 5 



I MAG 

Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse 
auf die Geisteswissenschaften 

Herausgegeben von 

Prof. Dr. Sigm. Freud 

Redigiert von Dr. Otto Rank, Dr. Hanns Sachs und A. J. Storfer 

In den Bänden I — X (1912 — 1924) erschienen unter anderem 
folgende Beiträge aus dem Gebiete der 

Ethnologie, 

der Völkerpsychologie und der Religionswissenschaft: 

Müller-Braunschweig: Psychoanalyt. 
Gesichtspunkte %. Psychogenese der Moral 

P f i s t e r : Die Entwicklung des Apostels Paulus 

Rank, Beata: Zur Rolle der Frau in der Ent- 
wicklung der menschlichen Gesellschaft 

Rank, Otto: Die Nacktheit in Sage und 
Dichtung 

Reik: Das Kainszeichen 

— Die Couvade und die Psychogenese der Ver- 
geltungsfurcht 

— Ödipus und die Sphinx 
Röheim: Zur Psychologie der Bundesriten 

— Nach dem Tode des Urvaters 

— Spiegelzauber 

— Die Sedna-Sage 

Schröder: Der sexuelle Anteil an der Theo- 
logie der Mormonen 

Silberer: Über Märchensymbolik 

— Das Zerstückelungsmotiv im Mythos 
Sperber: Über den Einfluß sexueller Mo- 
mente auf Entstehung und Entwicklung 
der Sprache 

Spiez: Die Dreizahl. Genesis der magischen 

und der transzendenten Kulte 
Wölk: Das Tri-theon der alten Inder 

— Der Tanz des Ciwa 

— Zur Psychologie des Rauchopfers 
Zulliger: Zur Psychologie der Trauer- und 

Bestattungsgebräuche 



Abraham: Der Versöhnungstag 

Andrea s - S a 1 o m e : Vom frühen Gottesdienst 

Arndt: Über Tabu und Mystik 

Bai int: Die mexikanische Kriegshieroglyphe 

atl-tlachinolli 
B erny: Zur Hypothese des sexuellen Ursprungs 

der Sprache 
Eisler: Der Fisch als Sexualsymbol 
Felszeghy: Panik und Pankomplex 
Freud:Einige Übereinstimmungen im Seelen- 
leben der Wilden und der Neurotiker 
Giese: Sexual Vorbilder bei einfachen Ver- 
richtungen 
Goya: Das Zersingen der Volkslieder 
Heise: Der Kuckuck und die Meise 
Jones: Bedeutung des Salzes in Sitte u. Brauch 

— Über den Heiligen Geist 

— Psychoanalyse und Anthropologie 
Kinkel: Zur Frage der psychologischen Grund- 
lagen und des Ursprungs der Religion 

Kolnai: Über das Mystische 

Kraus: Die Frauensprache bei primitiven 

Völkern 
Levi: Die Kastration in der Bibel 

— Sexualsymbolik in der biblischen Paradies- 

geschichte 

— Ist das Kainszeichen die Beschneidung? 
Lorenz: Der Mythus der Erde 

— Das Titanenmotiv in der allg. Mythologie 



II Ap3/- -£ H^v" - ] 


S t\ 


II dir 'i'i^i ! 




II 




III 




Vi 



Dr. B. Malinowski 



Mutterreditlidie Familie 
und Ödipuskomplex 



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3 

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